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Low Profile: Wie man unauffällig reist

© Olivia, AdobeStock

Ob auf Geschäftsreise, im Urlaub oder unterwegs im Krisengebiet: Sicherheit bei Auslandsreisen ist für jeden Menschen machbar. Alles, was es braucht, um die persönliche Sicherheit schnell zu erhöhen, sind einige Werkzeuge. Tool Nummer drei in unserer Mini-Serie ist Low Profile – die Fähigkeit, sich auch in fremden Kontexten möglichst unauffällig zu bewegen.

Kairo im Frühjahr 2000. Ich lebte seit sechs Monaten in der Stadt, um Arabisch zu studieren, und war zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Auf einer der Brücken, die über den Nil führen, kam mir eine Gruppe junger Männer entgegen. Als ich an ihnen vorbeiging, sprach mich einer der Männer an und fragte mich sehr freundlich nach dem Weg zum Zoo.

Ich erklärte ihnen kurz den Weg, dann unterhielten wir uns ein wenig. Ein anderer fragte mich, von welcher Fakultät ich sei. Wir hatten uns gegenseitig schnell als Studenten erkannt, und da ist das eine übliche Frage. Seine nächste Frage: „Und woher kommst du?“ „Aus Deutschland“.

Große Heiterkeit in der Gruppe. Er fragt mich wieder: „Ja, und woher kommst du wirklich?“ „Ich bin aus Deutschland“, sagte ich erneut und jetzt leicht irritiert. „Nein, jetzt mal im Ernst, sag: Woher kommst du?

Plötzlich verstand ich. Die Studenten nahmen mir nicht ab, dass ich aus Deutschland war – sie waren felsenfest der Überzeugung, ich sei Ägypter und müsse irgendwo aus dem Großraum Kairo stammen. Mich verblüffte das: In meiner eigenen Wahrnehmung sah ich nicht anders aus, als ich vor sechs Monaten nach Ägypten gekommen war. Mein Arabisch hatte sich zwar stark verbessert, aber für einen Einheimischen gehalten werden, das schien mir doch arg übertrieben.

Zuhause angekommen, stellte ich mich prüfend vor den Spiegel. Und in der Tat: Ich hatte Turnschuhe an, wie sie auch viele junge Männer vor Ort trugen. Das Hemd, das ich trug, hatte ich vor Ort gekauft. Ich hatte eine gesunde Gesichtsfarbe und damals noch dunklere Haare. Ich konnte mich auf Arabisch verständigen, ohne sofort ins Stottern zu geraten.

Das Wichtigste aber – und das wurde mir erst Jahre später klar – war mein Auftreten. Ich bewegte mich offenbar auf eine Art und Weise in der Stadt, die nicht darauf schließen ließ, dass ich aus dem Ausland kam. Von Low Profile hatte ich damals noch nichts gehört. Aber für mich war diese Begegnung ein Schlüsselmoment: Ich hatte am eigenen Leib erfahren, dass man sich auch in zunächst fremden Kontexten so einfügen kann, dass man kaum noch auffällt.

VERMISCHTES AdobeStock 395396482Kairo, Ägypten © efesenko, AdobeStock

Nicht aus der Masse herausstechen

Der Begriff „Low Profile“ stammt aus dem Englischen und ist im Sicherheits- und Risikomanagement etabliert. Das deutsche Wort „Unauffälligkeit“ kommt dem englischen Ausdruck inhaltlich zwar recht nahe, dennoch erscheint mir der englische Ausdruck adäquater.

Hinter dem Begriff verbirgt sich ein Prinzip, mit dem sich die eigene Sicherheit bei Auslandsreisen effektiv erhöhen lässt. Low Profile bedeutet, sich so weit wie möglich in die jeweilige Umgebung, in den jeweiligen lokalen Kontext einzufügen, um möglichst wenig aufzufallen. Es geht darum, so langweilig und uninteressant wie möglich zu wirken und in einem Maße an die jeweilige Umgebung angepasst zu sein, dass man in der Masse untergeht, anstatt aus ihr herauszustechen.

Man bleibt unter dem Radar jener Menschen, die einem nicht wohl gesonnen sind. Dazu gehören Kriminelle und Terroristen, aber auch Stalker und Sexualstraftäter. Ebenso kann Low Profile dabei helfen, Belästigungen durch Straßenverkäufer und Bettler zu verringern, und verhindern, dass wir das Ziel von Mobs werden. Wer gar nicht erst in den Fokus von Kriminellen gerät, der wird auch nicht überfallen oder beraubt. Denn für mögliche Angreifer sehen wir dank Low Profile weder “lohnenswert“ noch verwundbar aus.

In der Praxis gehört Low Profile zu den anspruchsvolleren Werkzeugen, die uns zur Verfügung stehen, um unsere persönliche Sicherheit zu erhöhen. Das liegt auch daran, dass die eigenen Möglichkeiten, das eigene Profil zu reduzieren, unter- oder falsch eingeschätzt werden. Denn sich unauffällig in einem fremden Land zu bewegen, bedeutet nicht, dass man sich unsichtbar machen kann. Aber das ist auch gar nicht notwendig.

VERMISCHTES AdobeStock 239227011Khayamiya Souq (Markt) in Altstadt Kairo, Ägypten © Mohamed Raheem, AdobeStock

So funktioniert Low Profile in der Praxis

Low Profile bedeutet im Kern, nicht aufzufallen. Wir können uns zwar nicht unsichtbar machen, doch wir können den Grad der eigenen Unauffälligkeit bewusst und gezielt anpassen. Diesen können wir mit den Stellschrauben „Aussehen“ und „Auftreten“ steuern. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Umgebung verstehen, in der wir uns bewegen.

Wir müssen wissen, wer die Menschen vor Ort sind, wie sie leben und wie sie ticken. Erst dann können wir Maßnahmen ergreifen, um das eigene Profil zu reduzieren, indem wir unser Aussehen und unser Auftreten anpassen.

Standards und Anomalien

Hier hilft das Konzept von Standards und Anomalien. Demnach hat jedes Land, jede Stadt, jede Person so etwas wie einen Standard, eine Norm, einen Konsens darüber, was als normal gilt. Dieser Standard ist jenes menschliche Verhalten, das in einer bestimmten Umgebung zu einer bestimmten Zeit als alltäglich und gebräuchlich gilt.

In jeder Umgebung, in der wir uns bewegen, sollten wir einen für uns geltenden Standard definieren. Dieser Prozess geschieht meist ohnehin automatisch und unbewusst. Erst wenn wir einen Standard definiert haben, können wir systematisch Abweichungen von der Norm feststellen.

Ebenso hat jeder Ort seine besondere Atmosphäre, einen eigenen Rhythmus. Wann immer Sie an einen neuen Ort kommen, können Sie sich zum Beispiel folgende Fragen stellen, um diese Atmosphäre, den Rhythmus, seinen Standard schnell zu erfassen:

  • Wie bewegen sich die Menschen dort?
  • Sind sie in Eile oder gehen sie langsam?
  • Wie sprechen die Menschen? Reden sie schnell und viel oder eher langsam und bedächtig?
  • Haben sie Zeit für ein Schwätzchen oder geht jeder seines Weges, ohne viel Kontakt zu den Mitmenschen zu suchen?
  • Wie ist die Distanzzone zwischen den Menschen? 
  • Sind Berührungen und Umarmungen normal oder eher ein Tabu?

Wenn Sie den Standard eines Ortes erfasst haben, können Sie Maßnahmen treffen, um sich dem anzupassen. Unauffällig zu sein bedeutet, sich dem jeweiligen Standard anzupassen.

Passen Sie Ihr Aussehen an

Was das Aussehen angeht, so gibt es Faktoren, auf die Sie Einfluss nehmen können, und solche, wo das nicht möglich ist. Wir haben ausdrücklich keinen Einfluss auf unser körperliches Erscheinungsbild. Dazu gehören unsere Hautfarbe und unser Körperbau, also unsere Körpergröße und unsere Grundkonstitution. Wer 1,90 Meter groß und sehr schlank ist, wird Schwierigkeiten haben, in Bangladesch oder Singapur Low Profile unterwegs zu sein.

Worauf Sie hingegen Einfluss haben, sind: Ihre Haarfarbe, Augenfarbe (getönte Kontaktlinsen), Haare und Bart (bei Männern). Finden Sie heraus, welche Frisuren die Männer und Frauen in Ihrem Zielland tragen (Stil, Länge) und wie gepflegt sie grundsätzlich sind.

Tragen die Menschen vor Ort Schmuck? Sind Piercings, Ohr- und Nasenringe normal? Wie ist es mit Körperschmuck wie Tätowierungen und Brandings? Können Sie diese offen zur Schau stellen oder sollten Sie sie besser verdecken?

Einfacher ist es bei Kleidung, Schuhen und Accessoires wie Uhren, Schmuck, Taschen und Rucksäcken. Bei der Kleidung gilt es zu prüfen, was die Menschen vor Ort tragen. Die Kleidung verändert sich erfahrungsgemäß mit den Tagen und Tageszeiten. Am Montagmorgen dominiert in der Innenstadt vielleicht eher förmliche Businesskleidung, während am Freitagabend ein eher lockerer Stil Standard ist. An vielen Orten der Welt liegen Sie mit schlichter Kleidung in neutralen, gedeckten Farben meist richtig. Vermeiden Sie leuchtende Farben, Logos und fett gedruckte (und sinnfreie) Botschaften auf dem Shirt. Damit gefährden Sie Ihre Anpassung an den Standard.

Low Profile ist ein Tool, das Sie schützen kann

Schuhe haben eine besondere Bedeutung. Viele Menschen werden Sie anhand Ihrer Schuhe beurteilen. Pinke Sneaker vermitteln eine andere Aussage über Sie als Person als dies billige Lederschuhe aus einem örtlichen Geschäft tun.

Aus meinen Trainings und Beratungen weiß ich, dass Kleidung im Kontext von Low Profile gerade auch für viele Frauen ein Reizthema ist. Das gilt vor allem für junge Frauen, die in muslimische Länder reisen wollen und deutlich machen, dass sie nicht bereit sind, sich an die lokalen Gepflogenheiten anzupassen. Ich antworte dann immer: Low Profile ist ein nützliches Tool, das Sie einsetzen können. Sie müssen aber nicht. Machen Sie, was Sie wollen. Bedenken Sie aber, dass Ihr Verhalten möglicherweise Konsequenzen hat. Wenn Sie auffallen wollen und bereit sind, die Konsequenzen zu tragen, dann ist das in Ordnung. Rechnen Sie aber damit, dass Sie vermutlich viele Menschen kennenlernen werden, auf deren Bekanntschaft Sie lieber verzichtet hätten.

VERMISCHTES AdobeStock 270557© vallefrias, AdobeStock

Ihr Auftreten und Ihre Kommunikation entscheiden über den Grad der Unauffälligkeit

Den Eindruck, den Sie aufgrund Ihres Aussehens und Ihrer Kleidung vermitteln, können Sie durch Ihr persönliches Auftreten und Ihre Art und Weise der Kommunikation beeinflussen oder relativieren. So kann es durchaus gelingen, dass man als weißer Westeuropäer im Kongo zwar wahrgenommen, aber aufgrund des angepassten Auftretens als „ortszugehörig“ erkannt und damit in Ruhe gelassen wird. Man fällt natürlich auf, aber ist kein „Fremdkörper“ in der Umgebung. Das eigene Auftreten spricht Bände darüber, wie vertraut Sie mit den lokalen Sitten und Gebräuchen sind.

Entscheidend ist, wie überzeugend und sicher Sie sich vor Ort bewegen können. Eine erfolgreiche Anwendung von Low Profile erfordert ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz. Kennen Sie die lokalen Spielregeln?

Nur wer die lokalen Spielregeln kennt, kann damit spielen

In meinem Verständnis ist ein Mensch dann interkulturell kompetent, wenn er in der Lage ist, mit Angehörigen anderer Kulturen erfolgreich zu kommunizieren. Dies setzt voraus, die Regeln und Werte anderer Kulturen nicht nur zu kennen, sondern auch zu verstehen, wie andere Menschen „ticken“. Nur wer die lokalen Spielregeln vor Ort kennt, kann danach spielen. Diese Spielregeln konstituieren sich aus den jeweiligen Sitten und Gebräuchen, aus Werten, Normen und Tabus. Je mehr sich die andere Kultur von der eigenen unterscheidet, desto länger dauert es erfahrungsgemäß, diese zu durchdringen und wirklich zu verstehen. 

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg Ihres Low-Profile-Ansatzes sind Ihre Sprachkenntnisse. Sprechen Sie die vor Ort gängige Sprache? Wie gut sind Ihre Kenntnisse? Je besser Sie die jeweilige Sprache beherrschen, desto eher wird man Ihre Anwesenheit als „normal“ akzeptieren.

Kommunikation umfasst jedoch nicht nur die Sprache, sondern betrifft Ihr gesamtes Auftreten in der Öffentlichkeit. Wie zum Beispiel begrüßen und verabschieden sich die Menschen in unterschiedlichen Situationen? Wie verhalten sich Einheimische in Standardsituationen, zum Beispiel im Umgang mit aggressiven Straßenhändlern oder Bettlern? Wenn Sie selber schüchtern und zurückhaltend auftreten, wo Einheimische entschlossen Grenzen ziehen, dann zeigt das, dass Sie die lokalen Spielregeln noch nicht beherrschen.

Fazit – und wo Low Profile nicht funktioniert

Low Profile bedeutet im Kern, sich unauffällig zu bewegen und nicht oder nur wenig aufzufallen. Sie können dazu Ihr Aussehen und Ihre Kleidung verändern, Ihr Auftreten und Ihre Kommunikation anpassen. Aber Sie können sich nicht gänzlich unsichtbar machen. Von daher ist Ihr Spielraum mitunter schnell erreicht, je nach lokalem Kontext. Als rothaariger Westeuropäer werden Sie im Osten des Kongo immer auffallen, da können Sie sich auf den Kopf stellen. Aber sie können durch Ihre Kleidung, Ihr Auftreten und Ihre Sprachkenntnisse viel an Boden gutmachen. Werden Sie sich darüber klar, auf welche Faktoren Sie selber Einfluss nehmen können – und wo die Grenzen liegen.

Die gute Nachricht ist: Je länger Sie an einem bestimmten Ort bleiben, desto mehr werden Sie sich anpassen. Dies geschieht unbewusst und automatisch. Daher lässt sich die Anwendung des Low-Profile-Prinzips nur vor Ort üben und verbessern.

Low Profile ist allerdings nicht in allen Kontexten die richtige Strategie. Es gibt Regionen, in denen die Risiken, zum Beispiel durch Kriminalität, Terrorismus oder bewaffnete Konflikte, so hoch sind, dass eine sogenannte High-Profile-Sicherheitsstrategie nicht nur sinnvoller, sondern unbedingt notwendig ist. Dazu gehören aktuell Länder wie Afghanistan, Teile des Irak, Libyen und Somalia. In diesen Ländern sind harte Schutzmaßnahmen angezeigt, wie unter anderem gepanzerte Fahrzeuge, bewaffneter Personenschutz und eine robuste Notfall- und Evakuierungsplanung.

Aber solange Sie sich von Kriegsgebieten und Hochrisikoregionen fernhalten –
probieren Sie den Low-Profile-Ansatz einmal aus, es lohnt sich! 

Florian Peil © Fioretti Fotografie

Der Autor

Florian Peil Florian Peil studierte zunächst Islamwissenschaften und war ab 2006 im Dienst für eine Sicherheitsbehörde. Dort lernte er das operative Handwerk. Sein Arbeitsgebiet war die Terrorismusbekämpfung mit Schwerpunkt Islamismus und Dschihadismus.

Die dafür notwendige Regionalexpertise und Arabisch-Kenntnisse hatte er sich bereits während seines Studiums angeeignet sowie durch unzählige Studien- und Arbeitsaufenthalte. 

Seit 2012 ist er als Sicherheitsberater tätig und arbeitet für DAX-Konzerne, für mittelständische Unternehmen genauso wie für politische Stiftungen, Journalisten, Hilfsorganisationen und NGOs.

Seine Erfahrungen und Kenntnisse hat er in seinen Büchern Terrorismus – wie wir uns schützen können (2016) und „Die 5 Ringe der Sicherheit“ (2021) zusammengefasst.

In der kommenden Journal-Ausgaben wird Florian Peil einen weiteren Artikel zum Thema Sicherheit auf Reisen beisteuern.

Mit Low-Profile unauffällig reisen

Lesen Sie auch Teil I der Miniserie: Sicherheit beginnt im Kopf: So sieht das richtige Mindset aus und Teil II: Warum situative Aufmerksamkeit so wichtig für die persönliche Reisesicherheit ist sowie das Interview mit Florian Peil aus der Ausgabe 01/2022: „Unbeschwertes Reisen dürfte auch in Zukunft nicht mehr möglich sein“.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe April 2022 des Journals "Leben und Arbeiten im Ausland".

Das Journal erscheint monatlich kostenlos mit vielen informativen Beiträgen zu Auslandsthemen.

Herausgegeben wird es vom BDAE, dem Experten für die Absicherung im Ausland.

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Ihren Ursprung hat die BDAE GRUPPE im Jahr 1995 mit der Gründung des Vereins Bund der Auslands-Erwerbstätigen (BDAE). Die Ziele, die wir mit dieser Institution verfolgten, haben sich bis heute nicht verändert. Noch immer bilden sie das Fundament der Unternehmensphilosophie, der wir stets treu bleiben: Wir wollen, dass Sie mit Sicherheit ins Ausland gehen.

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