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China Speed: Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag in Shanghai

„China Speed“ ist in aller Munde. Doch was verbirgt sich dahinter? Torsten Sollitzer beschäftigt sich seit 2013 beruflich mit China. Drei Jahre davon hat er in Shanghai gelebt und gearbeitet. In diesem Gastbeitrag berichtet er von seinem Arbeitsalltag dort und erläutert, was sich hinter China Speed verbirgt und warum ein Arbeitsleben für Ausländerinnen und Ausländer in China eine zu große Herausforderung sein kann.

Erst war ich in einem großen Konzern als Change Manager und im Business Development tätig, natürlich mit großem Fokus auf Online und E-Commerce und anschließend für eine Boutique Marketingagentur, mit der wir kleinen und mittleren Unternehmen bei deren Markteintritt nach China unterstützt haben. Drei wichtige „Take-Aways“ habe ich identifiziert, wenn man den Markt erobern will:

  1. Man braucht ausreichend Budget: Der riesige Markt hat viele Vorteile, eine Sprache, eine Währung, ein Rechtssystem und einiges mehr. Aber der Wettbewerb ist derart intensiv und immer noch stark von Rabattschlachten geprägt, dass man für Marketing und Sales ausreichend tiefe Taschen braucht, um wahrgenommen zu werden.
  2. Geduld: Bis man Traktion für seine Marke und Produkte erreicht, kann mindestens ein Jahr vergehen. Reichweite in sozialen Medien aufbauen, ein berufliches Netzwerk entwickeln, das dauert und umso mehr, wenn man nicht vor Ort eine Präsenz hat.
  3. China-Speed: Dies ist kein Widerspruch zu Geduld, es geht um die Art und Weise der Zusammenarbeit im Alltag aber auch darum, wie schnell Veränderung angenommen und umgesetzt wird.

Natürlich sind verlässliche Partner, eine Market-Entry-Strategie und die Bereitschaft, sein Unternehmen auf die Bedürfnisse der chinesischen Konsumentinnen und Konsumenten auszurichten, genauso wichtig.

China Speed oder 5-Jahres-Pläne?

Aber was bedeutet China-Speed in diesem Kontext – ist China nicht eher für seine langfristige Planung bekannt? Außenstehenden kommen die 5-Jahres-Pläne aus der Politik oder die neue Seidenstraße in den Sinn. Strategisch geht Chinas Führung sicherlich vor und verfolgt langfristige Ziele. Aber ist man erst vor Ort, merkt man schnell, was sich hinter China-Speed versteckt. Und das im Großen wie im Kleinen. Die Veränderung von Städten sucht ihresgleichen. Viele kennen die Vergleichsbilder von Shanghai. Der Blick vom Bund, dem Prachtboulevard, auf das andere Flussufer, die Pudong-Seite. Noch vor 30 Jahren sah man nur Marschland und kleine Bauerndörfer.

Im Jahr 1991 wurde mit dem Bau des Oriental Pearl Tower begonnen, die Einweihung fand 1995 statt. Seitdem ist die „Perle des Ostens“ (Dōngfāng Míngzhūtǎ) eines der Wahrzeichen von Shanghai. In den folgenden Jahren hat sich der Stadtteil vom Acker zu einer der beeindruckendsten Skylines der Welt entwickelt. Besonders beeindruckend neben dem Pearl Tower sind das „Flaschenöffner“ genannte Shanghai World Financial Center, der Jin Mao Tower und das höchste Gebäude, der Shanghai Tower. Dieser bietet übrigens auch die höchste Aussichtsplattform der Welt. Kaum ein Beitrag über China, der sich nicht dieser Skyline als Symbolbild bedient.

Ein weiteres Beispiel: Chengdu, die Hauptstadt von Sichuan und eine sehr dynamisch wachsende Stadt. Als ich das erste Mal im Jahr 2014 dort war wollte ich unbedingt das New Century Global Center besuchen – im Wesentlichen eine Shopping Mall, die sich dadurch auszeichnet, das größte Gebäude der Welt zu sein, gemessen an der Nutzfläche von 1,76 Millionen Quadratmetern. Damals war das Gebäude erst kurz eröffnet und lag recht außerhalb vom Stadtzentrum. Taxifahrer wussten nicht genau wohin oder fragten, warum man „aus der Stadt“ dorthin wolle. Bei späteren Besuchen in der Stadt habe ich dann auch auf den Besuch verzichtet. Bis ich im Jahr 2019, gerade einmal fünf Jahre später, an dem Gebäude vorbeifuhr – staunend stellte ich fest, dass das Gebäude nun komplett von Büro- und Wohnvierteln umgegeben war.

Hauptstadtflughafen von China ist China Speed im Großen

Und wie sieht es mit Flughäfen aus? In China wurde mit dem Hauptstadt-Flughafen innerhalb von vier Jahren der flächenmäßig größte Airport der Welt fertiggestellt. Es soll hier nicht um Gründe gehen, warum andere Hauptstädte für deutlich kleinere Flughäfen deutlich länger brauchen. Sondern darum, zu verstehen und anerkennen, was organisatorisch geleistet wird. Das ist China Speed im Großen.

Auch im direkten persönlichen Arbeitsalltag muss man sich als Expat auf deutlich andere Geschwindigkeiten einstellen. In vielen Fällen wird man erleben, dass es erst etwas dauert, bis sich eines Themas angenommen wird. Das mag zum Beispiel damit zusammenhängen, wie gut man vernetzt ist oder wie dringend etwas ist. Aber wenn losgelegt wird, dann sehr agil und ergebnisorientiert.

Agilität anstelle festgelegter Pläne

Agile Arbeitsweisen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass kontinuierlich getestet und weiterentwickelt wird, statt rigide einen zu Beginn festgelegten Plan abzuarbeiten und darauf zu vertrauen, dass nicht am Markt und Kunden vorbei entwickelt wird. Insbesondere dieser Ansatz, „erste Ergebnisse“ über einen „vollständig in allen Belangen durchdachten Plan“ zu stellen, begegnet einem oft.

Ein Beispiel: Um erfolgreich Marketing und Vertrieb in China zu betreiben, braucht es einer guten Social-Media-Strategie. Erstes Ziel ist es, eine Reichweite, also Follower, über WeChat aufzubauen, um damit die Bekanntheit zu steigern. WeChat ist die Super-App von Tencent, mit der sich der gesamte Alltag digital organisieren lässt. Zum einen ein unerlässliches Tool für die Kommunikation mit Kunden und Kollegen, zum anderen auch eine gute Plattform für Werbung. Wer WeChat nicht kennt: im Alltag hat quasi jeder Chinese diese App installiert. Insgesamt gab es Ende 2020 1,225 Milliarden monatliche Nutzer auf WeChat. In erster Linie wird die App für Kommunikation genutzt. Ähnlich wie WhatsApp. Zusätzlich gibt es innerhalb der App aber auch die Möglichkeit für Unternehmen, eigene Firmenaccounts anzulegen und damit Nutzer zu erreichen. In etwa vergleichbar mit einer Facebook-Fanpage.

EXPATS WeChat

Social-Media-Strategie in chinesischer Geschwindigkeit

Für eine gute Social-Media-Strategie mit Posts, die gelesen werden und mit denen interagiert wird, ist es „im Westen“ einhellige Meinung, einen Redaktionsplan zu erstellen. Dieser Redaktionsplan besteht idealerweise aus einem Themenspeicher und einem konkreten Zeitplan, an dem festgelegt wird, wann welche Posts online gehen sollen. In China wird man immer wieder überrascht, wie wenig die konzeptionelle Arbeit, also die Struktur, wertgeschätzt wird. Bei Präsentation eines Vorschlags für einen Redaktionsplan kann vom Kunden (oder Vorgesetzten) schon mal die Frage kommen, wie viele Likes es denn auf den ersten Posts gab. Dass man noch gar nichts gepostet hat, sondern erst abstimmen möchte welche Themen wohl interessant sein können und danach erst konkrete Posts entwirft, entspricht nicht der Umsetzungserwartung. Wahrscheinlicher ist es, dass mit einem Thema gestartet und nach wenigen Wochen nachjustiert wird, wenn die User-Reaktionen nicht ausreichen.

EXPATRIATES AdobeStock 294401890 Editorial Use OnlyBeijing Daxing New International Airport Terminal, China (© Markus Mainka, AdobeStock)

Beratungsunternehmen haben es in China schwer

Eine vergleichbare Erfahrung hatte ich gemacht, als wir für einen Kunden eine Social-Commerce-Strategie, also Umsätze über die Social-Media-Kanäle zu erzielen, entwickelt hatten. Etwa eine Arbeitswoche hat es gedauert, um für den Kunden ein tragfähiges Konzept zu entwickeln – abgestimmt auf interne Prozesse, abgesprochen mit beteiligten Abteilungen (Supply Chain, Marketing, Finance) und dann dem General Manager präsentiert. Dieser war leicht verwundert, dass wir nur Ideen in PowerPoint hatten, seine Erwartung wären erste Umsetzungen gewesen. Unser Angebot bestand jedoch aus einer reinen Beratung und keiner Umsetzung. Aus seiner Sicht nicht nachvollziehbar, dass man etwas als Konzept anbietet, aber keine Umsetzung dazu. Bis heute ist es schwer in China, auch für große Beratungsunternehmen, für eine konzeptionelle Dienstleistung bezahlt zu werden. Es hat also viel damit zu tun, wie man Erwartungen managt.

Lieferzeiten in Minuten statt Tagen

Völlig erlebbar wird der China Speed auch im Online-Shopping. Während in Deutschland Lieferzeiten von 2 oder 3 Tagen die Regel sind und wenige Anbieter mit „Lieferung am nächsten Tag“ werben, hat man in China verstanden, dass Lieferzeiten nicht in Tagen, sondern in Minuten gemessen werden. Seit Jahren ist es schon völlig normal, etwas im Internet zu bestellen und 30 Minuten später die Ware zu Hause zu haben. Inklusive Tracking auf der mobilen App, um genau nachvollziehen zu können, wo sich der Kurier aufhält.

Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass es China eine große Gruppe von „Early Adoptern“ gibt. Menschen, die generell aufgeschlossen Neuem gegenüber sind und neugierig ausprobieren. Chinesen sind schnell darin, etwas zu testen, aber, falls das Produkt enttäuscht, auch schnell darin, etwas sein zu lassen. Veränderung wird schnell angenommen und gelebt – kein Wunder bei der abwechslungsreichen Geschichte. Der rasante Aufstieg vom Entwicklungsland zur Wirtschaftsgroßmacht, den für viele die eigenen Großeltern komplett miterlebt haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Für viele Chinesen wird das Leben jedes Jahr besser: besserer Job, mehr Verdienst, schönere Wohnung. Wirtschaftswachstum und Technologie tragen einen großen Teil dazu bei, daher ist sie auch so akzeptiert, weil für viele die Vorteile die Nachteile (Stichwort Datenschutzbedenken) überwiegen.

EXPATS china Speed e commerce

72-Stunden-Woche in China keine Seltenheit

Einen großen Anteil an der China Speed haben neben der agilen und zielorientierten Arbeitsweise leider auch der Anspruch und die Anforderungen an extrem lange Arbeitszeiten. Von Fabrikarbeitern bis zu Bürojobs – eine 72-Stunden-Woche ist keine Seltenheit. In der Startup-Szene wird das Arbeitszeitmodell „996“ genannt. Es steht für 12-Stunden-Tage, Arbeitszeiten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends an sechs Tagen in der Woche. Die Arbeitsgesetze in China sehen natürlich weniger Stunden vor, aber daran gehalten wird sich nicht immer. Da gilt eher die Sichtweise von Jack Ma, einem der reichsten Chinesen und Gründer des E-Commerce Giganten Alibaba. Er verstehe den Rummel nicht, junge Leute unter 30 könnten Vollzeit arbeiten und wenn sie dann 50 Jahre alt sind und was erreicht haben, können sie kürzertreten und nur noch nach 996 arbeiten.

Aktuell lässt sich beobachten, wie der Staat gegen die zu mächtig werdenden Tech-Monopole vorgeht. Und hier schließt sich der Kreis. Die Regierung wird neue Vorschriften erlassen und im Kern zeichnet die Menschen und Unternehmen in China aus, wie schnell sie in der Lage sind, auf Veränderungen und Vorgaben zu reagieren. Auch in Zukunft wird die China Speed hoch sein.

Über den Autor

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Torsten Sollitzer ist Gründer von ChinaWeChatting und unterstützt seit etlichen Jahren deutsche und europäische Unternehmen beim Markteintritt in China. Er lebte und arbeitete drei Jahre in Shanghai und ist Experte für E-Commerce und Business in China.

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www.chinawechatting.de

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe Juni 2021 des Journals "Leben und Arbeiten im Ausland".

Das Journal erscheint monatlich kostenlos mit vielen informativen Beiträgen zu Auslandsthemen.

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