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Interview
Foto: Christoph Gerigk ©Franck Goddio/Hilti Foundation

Vom Sabbatical zum erfolgreichsten Unterwasserarchäologen der Welt

Mit Mitte 30 hatte Franck Goddio bereits eine steile Karriere hingelegt. Als Wirtschafts- und Finanzexperte beriet der Franzose Länder wie Laos, Vietnam und Kambodscha im Auftrag der Vereinten Nationen und des französischen Außenministeriums. Seine große Leidenschaft jedoch galt schon immer dem Meer und der Geschichte vergangener Kulturen. Anfang der 80er Jahre nahm sich Goddio deshalb ein Jahr Auszeit, um sich neu zu orientieren. Über 30 Jahre später gehört Goddio heute zu den erfolgreichsten Unterwasserarchäologen der Welt und leitet das größte unterwasserarchäologische Forschungsprojekt vor der Küste Ägyptens.

Franck Goddio
Franck Goddio, Foto: Christoph Gerigk ©Franck Goddio/Hilti Foundation

BDAE: Herr Goddio, woher kam Ihr Interesse für das Meer und die Geschichte alter Kulturen?

Goddio: Ich war schon als kleiner Junge begeistert von alten Kulturen und der Menschheitsgeschichte. Meine Leidenschaft für das Meer habe ich wahrscheinlich von meinem Großvater, Eric de Bisschop, geerbt. Er war Seefahrer, lebte größtenteils in der Südsee und war der Erfinder des modernen Katamarans. Ende der 30er Jahre unternahm er auf einem polynesischen Doppelkanu eine Reise von Honolulu nach Cannes in Frankreich.

BDAE:  Wie kam es zu der Entscheidung, den alten Beruf an den Nagel zu hängen und sich ganz der Unterwasserarchäologie zu widmen?

Goddio: Mein Leben als Finanzberater schien vorgezeichnet zu sein. Irgendwie hatte ich das Gefühl, den vernünftigen Weg gewählt zu haben und nicht den, für den mein Herz schlug. Deshalb nahm ich ein Sabbatical. Das Jahr nutzte ich, um mir einen Überblick über weltweit laufende unterwasserarchäologische Projekte zu verschaffen und über den Umgang der einzelnen Staaten mit dieser damals noch relativ jungen Wissenschaft. Ich nahm auch an Expeditionen teil, zum Beispiel von Jacques Dumas vor der Küste Ägyptens auf der Suche nach Napoleons Flotte. Die war 1798 bei der Schlacht von Abukir gegen Admiral Nelson im Meer versunken.

Am Ende meiner Recherchen stellte ich zwei Dinge fest: Die Technik, die bei den unterwasserarchäologischen Forschungen zum Einsatz kam, steckte noch in den Kinderschuhen. Außerdem gab es weltweit keine private, unabhängige Institution für Unterwasserarchäologie. Meine Entscheidung war gefallen. Mitte der 80er Jahre gründete ich das Europäische Institut für Unterwasserarchäologie (IEASM). Ziel des Instituts sollte es sein, in Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Ländern unterwasserarchäologische Grabungen durchzuführen.

„Ich hatte das Gefühl, den vernünftigen Weg gewählt zu haben und nicht den, für den mein Herz schlug“

BDAE:Wie gingen Sie bei der Auswahl der Projekte vor?

Goddio: Das erste IEASM Projekt fand in Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum der Philippinen statt. Aus alten Dokumenten und Aufzeichnungen hatten wir eine Vermutung über das Gebiet, in dem im Jahr 1600 die spanische Galeone San Diego untergegangen war. Wir setzten einen Nuklear-Magnetischen-Resonanz (NMR) Magnetometer für die Untersuchung des 3,6 Kilometer langen und 2,4 Kilometer breiten Gebiets ein. Den Magnetometer hatte die französische Atomenergiebehörde (CEA) entwickelt. Mit ihm können Abweichungen vom Magnetfeld der Erde festgestellt und somit Hinweise zu archäologischen Überresten im Meeresboden gegeben werden. Bevor der erste Tauchgang stattfand, hatten wir so schon eine erste Spur. Wir entdeckten die San Diego schließlich in 52 Metern Tiefe etwa 800 Meter von der Küste entfernt.

BDAE: Welche Projekte folgten daraufhin? 

Goddio: Durch Erzählungen und Berichte erfuhr ich viel über die Region vor Ägyptens Mittelmeerküste. Geschichtsträchtige Orte, wie Teile des Königsviertels von Alexandria, in dem einst Kleopatra residierte, waren vor Hunderten von Jahren im Meer versunken und nie wieder aufgetaucht. Außerdem gab es einzelne Entdeckungen von antiken Überresten in der heutigen Bucht von Abukir, etwa 30 Kilometer östlich von Alexandria. Dies deutete auf weitere versunkene antike Stadtgebiete oder sogar ganze Städte hin. So schlossen wir mit der ägyptischen Antikenbehörde eine Kooperation über die Erforschung des Gebiets. Das war Anfang der 90er Jahre. Die Zusammenarbeit hält bis heute an.

BDAE: Neben dem Osthafen von Alexandria haben Sie auch die antiken Städte Thonis-Herakleion und Kanopus entdeckt. Deren Erforschung gilt als das größte unterwasserarchäologische Projekt der Welt. Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? 

Goddio: Der Entdeckung von Thonis-Herakleion und Kanopus gehen jahrelange Sondierungsarbeiten voraus, bei denen wir ein Gebiet von 11 mal 15 Kilometern systematisch abgescannt haben. Dabei kommen neben dem Magnetometer verschiedene Techniken zum Einsatz, wie etwa die Mehrstrahl-Bathymetrie, das Echolot, das Seitenscan-Sonar und, heutzutage, auch die 3-D Unterwasserfotografie. Bei Auffälligkeiten in unseren Datensammlungen entschließen wir uns dann zu punktuellen Grabungsarbeiten. Man darf sich nicht vorstellen, dass die archäologischen Funde einfach so auf dem Meeresboden liegen. Zum Teil sind sie unter meterdicken Sedimentschichten begraben, die es dann abzutragen gilt. Das gibt uns aber auch die Möglichkeit, auf Objekte zu stoßen, die seit Hunderten von Jahren unangetastet sind. Sie sind wie in einer Zeitkapsel eingeschlossen.

In Thonis-Herakleion konnten wir die ersten Funde im Jahr 2000 machen. Unter anderem entdeckten wir einen Schrein aus Granit und eine schwarze Steintafel. Die beiden Funde mit ihren Inschriften lieferten uns letztendlich den Beweis, dass wir wirklich auf die versunkene Stadt Thonis-Herakleion gestoßen waren.

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Kolossalstatue in Thonis-Herakleion, Foto: Christoph Gerigk ©Franck Goddio/Hilti Foundation

BDAE: Was für eine Stadt war Thonis-Herakleion?

Goddio: Thonis-Herakleion war ein sagenumwobener Ort. In den antiken Texten war relativ wenig über sie zu finden. Im 5. Jahrhundert vor Christus wird sie von Herodot in seinen Historien erwähnt als den Ort, an dem Helena und Paris Asyl suchten auf ihrer Flucht vor Menelaus am Vortag des Trojanischen Kriegs. Auch der Geograph Strabon erwähnt den Tempel von Herakleion in seinen Aufzeichnungen. Es muss also ein wichtiger Ort in der Antike gewesen sein. Jedoch fehlte von ihm jede Spur.

Unsere Forschungsarbeiten haben ergeben, dass Thonis-Herakleion ein Handelszentrum und ein wichtiger religiöser Ort in der Antike war. Die Stadt wurde vermutlich im 8. Jahrhundert vor Christus gegründet. Durch ihre vielen Kanäle wird sie ein bisschen wie Venedig ausgesehen haben. Wir haben bis heute über 70 Schiffswracks und über 700 Schiffsanker entdeckt, was die zahlreichen Handelsaktivitäten der Stadt belegt. Außerdem haben wir Kolossalstatuen von 5 Metern Höhe gefunden, unter anderem eine von Hapi, dem ägyptischen Gott der Fruchtbarkeit und Nilflut.

In Thonis-Herakleion fand auch ein wichtiges, sich jährlich wiederholendes Ritual statt: die Osiris-Mysterien. Dieses Ritual endete mit einer Prozession zu Ehren von Osiris, dem Gott der Unterwelt und Wiederauferstehung.

„Thonis-Herakleion ist durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren im Meer versunken“

BDAE: Warum ist die Stadt versunken?

Goddio: Die jüngsten Funde, die wir in Thonis-Herakleion, und auch im Hafen von Alexandria und in Kanopus, gemacht haben, stammen aus dem 8. Jahrhundert. Zu dieser Zeit muss das Gebiet also vollständig im Meer versunken sein. Jedoch gab es schon vorher teilweise Zerstörungen. Die Gründe sind ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Zum einen stieg der Wasserspiegel über die Jahre kontinuierlich an. Gleichzeitig sanken die Landmassen langsam ab. Es konnte außerdem festgestellt werden, dass sich der Boden in dieser Region verflüssigte. Das geschieht, wenn der Druck auf einen stark lehmhaltigen und flüssigen Boden, wie den im Nildelta, zu stark wird. Ausgelöst wurde dieser Druck durch den Bau von großen Gebäuden und durch Naturkatastrophen wie Erdbeben und Flutwellen. Der Lehmboden verliert das Volumen und es kommt zum abrupten Absinken von Landmassen.

BDAE: Sind die Arbeiten in Thonis-Herakleion abgeschlossen?

Goddio: Nein. Wir stehen eigentlich erst am Anfang. Ich würde sagen, dass wir nur circa 5 Prozent erforscht haben. Obwohl wir die Forschungsarbeiten jedes Jahr fortsetzen, werden wir noch mehrere Hundert Jahre benötigen, um die ganz Stadt zu untersuchen. Nehmen Sie Pompeji als Vergleich: Die Grabungsarbeiten an der Stadt begannen im 18. Jahrhundert und dauern bis heute an. Thonis-Herakleion ist dreimal so groß und liegt dazu noch unter Wasser.

BDAE: Was konnten Sie in Kanopus entdecken?

Goddio: Kanopus wird in vielen historischen Quellen erwähnt. Die Stadt war berühmt für ihren Serapis Tempel, der Heilung für jegliche Krankheiten versprach und damit unzählige Pilger aus dem gesamten Mittelmeerraum anzog. Gleichzeitig war Kanopus als Amüsierviertel bekannt, wo rauschende Feste gefeiert wurden.

Wir haben Mauerreste des Serapis Tempels entdeckt sowie Säulenteile und andere architektonische Elemente aus Granit und Kalkstein. Hinzu kommen zahlreiche Funde wie Statuen, Schmuck oder Goldmünzen. Unter anderem haben wir in Kanopus Teile des Naos der Dekaden gefunden, dem ältesten astrologischen Kalender der Welt. Sein Dach wurde übrigens bereits im 18. Jahrhundert an Land gefunden und ist heute im Pariser Louvre ausgestellt.

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Naos der Dekaden, Foto: Christoph Gerigk ©Franck Goddio/Hilti Foundation

BDAE: Die Forschungsarbeiten müssen sehr kostenintensiv sein. Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit? 

Goddio: Ich habe das Glück, einen verlässlichen Partner an meiner Seite zu haben. Seit 1996 unterstützt die Hilti Foundation meine Forschungsarbeiten. Private Förderer sind für wissenschaftliche Disziplinen wie die Unterwasserarchäologie sehr wichtig, da öffentliche Gelder oft nicht ausreichen, um die gewünschten Erfolge zu erzielen. Die Hilti Foundation möchte dazu beitragen, die Funde und die Erkenntnisse, die wir aus den Funden gewinnen, öffentlich zu machen.

BDAE: In Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum der Philippinen haben Sie auch zahlreiche Schiffe und Dschunken entdeckt. Erzählen Sie uns von einigen der Funde.

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Funde aus der Lena Dschunke, Foto: Christoph Gerigk ©Franck Goddio/Hilti Foundation

Goddio: Vor der Küste der Philippinen konnten wir insgesamt sieben Dschunken aus dem 11. bis 16. Jahrhundert aufspüren. Viele hatten erstaunlich gut erhaltene Fracht an Bord wie zum Beispiel Keramiken, Bronze- und Glasobjekte aus der Song, Yuan und Ming Dynastie.

Außerdem haben wir eine spanische Galeone (1600) und zwei Schiffe der British East India Company aus dem 18. Jahrhundert entdeckt und ausgegraben. Eins der britischen Schiffe lag in 350 Metern Tiefe. Die Untersuchungen konnten nur mit Hilfe von kleinen bemannten U-Booten durchgeführt werden.

Unsere Arbeit vor der Küste der Philippinen liefert uns faszinierende Einblicke in den maritimen Welthandel und den Bootsbau während der unterschiedlichen Epochen.

BDAE: Seit 2003 haben Sie eine Kooperation mit dem Archäologischen Institut der Oxford Universität. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Goddio: Um unsere Forschungsergebnisse und die Funde im Einzelnen studieren und publizieren zu können, haben wir nach einem starken akademischen Partner gesucht und ihn mit der Oxford Universität gefunden. Wir sind sehr froh über die Zusammenarbeit seit über 15 Jahren. 2003 haben wir zusammen das Oxford Centre for Maritime Archaeology (OCMA) gegründet. Neben den wissenschaftlichen Publikationen veranstaltet das Zentrum regelmäßig Symposien und Studenten können an unseren Forschungsexpeditionen teilnehmen. Unterstützung erhalten wir auch hier von der Hilti Foundation.

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Grabungen in bis zu 350 Meter Tiefe, Foto: Christoph Gerigk ©Franck Goddio/Hilti Foundation

BDAE: Neben der Forschung arbeiten Sie auch an Ausstellungstourneen. Ab Oktober sind Funde aus Ägypten in der Ausstellung „Egypt’s Lost Cities“ im Museum der Ronald Reagan Presidential Foundation im kalifornischen Simi Valley zu sehen. Was ist Ihnen an den Ausstellungen wichtig?

Goddio: Ein Ziel unserer Forschungsarbeiten ist es, das erlangte Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das versuchen wir zum einen durch Publikationen und Medienbeiträge und zum anderen durch Ausstellungstourneen. Derzeit werden Funde aus Thonis-Herakleion und Kanopus gezeigt. Wir waren in Europa in Paris, London und Zürich. In den USA war die Ausstellung bisher in St. Louis und Minneapolis zu sehen. Ägypten, das Eigentümer der Funde ist, hat die Artefakte für diese Tournee ausgeliehen. Am Ende geht alles wieder zurück ins Heimatland.

Weitere Information zu den Forschungsarbeiten von Franck Goddio und seinem Team gibt es unter:

www.franckgoddio.org

www.ieasm.org

www.hiltifoundation.org/de/home

 

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe Oktober 2019 des Journals "Leben und Arbeiten im Ausland".

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