Sicherheit in Südamerika: Einschätzungen eines Krisenexperten

Gerade Neuankömmlinge stehen häufig vor der Herausforderung, Gefahren richtig einzuschätzen, ohne in Übervorsicht oder Sorglosigkeit zu verfallen. Erfahrung, lokale Kenntnisse und ein bewusster Umgang mit Routinen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Im folgenden Interview ordnet Michael Pülmanns, Geschäftsführer von SmartRiskSolutions, typische Fehler, Bedrohungsszenarien und konkrete Schutzmaßnahmen ein. Er berät seit vielen Jahren Unternehmen und Privatpersonen in sicherheitskritischen Lagen und gibt praxisnahe Einblicke in die Realität von Straßenkriminalität, Betrug und digitalen Erpressungsformen.
Sie waren viele Jahre in Risikoregionen unter anderem in Südamerika tätig. Welche typischen Fehler beobachten Sie immer wieder bei Europäern oder Deutschen, die neu in die Region kommen?
Michael: Eine pauschale Antwort ist schwierig, weil sich Sicherheitslage und Alltagsrisiken je nach Land, Stadt und sogar Stadtviertel stark unterscheiden. Häufig fehlt unerfahrenen Reisenden aber die sogenannte Risikoawareness. Viele unterschätzen, wie schnell alltägliche Situationen – etwa eine Taxifahrt, das offene Nutzen des Smartphones auf der Straße oder unachtsames Verhalten nachts – problematisch werden können.
Gleichzeitig gibt es auch Menschen, die Risiken stark überschätzen und sich dadurch unnötig eingeschränkt oder permanent angespannt bewegen. Beides ist problematisch. Ziel sollte immer eine möglichst nüchterne und realistische Einschätzung der Lage sein.
Bei erfahrenen Reisenden sehe ich wiederum oft das Gegenteil: Wer lange in der Region unterwegs ist und bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, neigt manchmal dazu, Risiken nicht mehr ernst genug zu nehmen. Routine kann dazu führen, dass einfache Sicherheitsregeln vernachlässigt werden.
»Wer lange in der Region unterwegs ist und bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, neigt manchmal dazu, Risiken nicht mehr ernst genug zu nehmen. Routine kann dazu führen, dass einfache Sicherheitsregeln vernachlässigt werden.«
Wie wählen Kriminelle ihre Opfer aus – und wie können neu Zugezogene vermeiden, als „lohnendes Ziel“ wahrgenommen zu werden? Gibt es bestimmte Gewohnheiten oder Verhaltensweisen, die Einheimische intuitiv beachten, Fremde aber oft nicht kennen?
Michael: Kriminelle wählen ihre Opfer oft nicht zufällig aus. In vielen Fällen wurden Personen bereits vorher beobachtet – etwa beim Verlassen einer Bank, beim Nutzen teurer Technik oder durch wiederkehrende Routinen. Täter achten darauf, wer unaufmerksam wirkt, sichtbar Wertgegenstände trägt oder sich unsicher bewegt.
Menschen mit Teufelsmasken tanzen bei der Diablada Pillarena, einem traditionellen Fest in Ecuador. In überfüllten Situationen sollte man besonders aufmerksam sein. © alejomiranda, AdobeStock
Einheimische haben häufig ein besseres Gefühl dafür, welche Gegenden, Uhrzeiten oder Situationen problematisch sein können und kennen typische Vorgehensweisen lokaler Täter. Gleichzeitig schützt das nicht automatisch vor Kriminalität – auch Einheimische gewöhnen sich manchmal zu sehr an Risiken. Für Neuankömmlinge gilt deshalb: unauffällig auftreten, Routinen vermeiden und lokale Hinweise ernst nehmen.
Wie sollten sich Betroffene im Ernstfall verhalten – etwa bei einem Raubüberfall? Was ist unbedingt zu tun, was sollte man vermeiden?
Michael: Wenn es um materielle Dinge wie Geld, Handy oder Schmuck geht, sollte man keinen Widerstand leisten. Gesundheit und Leben sind wichtiger als Besitz. Hektische Bewegungen, Diskussionen oder Heldentum erhöhen das Risiko unnötig. Wichtig ist, ruhig zu bleiben und später eine Anzeige zu erstatten. Diese ist häufig nötig, wenn es um Versicherungsfragen geht.
Neben langandauernden Entführungen, die Tage, aber auch Wochen oder Jahre andauern, ist in Südamerika auch das sogenannte Express-Kidnapping ein Problem, etwa zum nächsten Geldautomaten. Beschränkt sich diese Entführungsform nur auf „High-Profile“-Ziele oder sind auch einfache Expats und digitale Nomadinnen und Nomaden betroffen?
Michael: Nein. Express-Kidnappings beschränken sich nicht nur auf wohlhabende oder prominente Personen. Besonders Reisende, die neu im Land sind, wenig Ortskenntnis haben und unorganisiert unterwegs sind, können betroffen sein. Ein typisches Risiko ist etwa, bedenkenlos in das nächste Taxi zu steigen, ohne auf Details zu achten.
Touristen fotografieren vor der Christusstatue in Rio de Janeiro, Brasilien. © Katie/peopleimages.com, AdobeStock
Einfache Sicherheitsmaßnahmen können das Risiko deutlich reduzieren: Transporte möglichst vorab organisieren, seriöse Anbieter nutzen und während der Fahrt aufmerksam bleiben – etwa wenn ein Fahrer plötzlich die Route verändert oder unerwartete Stopps einlegt. An einigen Orten wie beispielsweise am Flughafen in Mexico-City gibt es Taxistände von registrierten Betreibern. Hier ist das Risiko für den Reisenden deutlich geringer. Das Schlechteste ist, einfach ein Taxi von der Straße herzuwinken.
»Wer nachts allein unterwegs ist und bei einer Situation ein ungutes Gefühl hat, sollte dieses Gefühl nicht ignorieren.«
Verbrechen bedeutet nicht immer körperliche Gewalt – auch Cyber-Crime und Betrugsmaschen sind vor allem dann eine Gefahr, wenn man die neue Heimat erst kennenlernen muss. Vor welchen „subtileren“ Verbrechen würden Sie insbesondere warnen?
Michael: Neben klassischer Straßenkriminalität spielen Cybercrime und Betrugsmaschen eine immer größere Rolle. Dazu gehören Phishing, manipulierte Buchungsseiten oder Scams rund um Unterkünfte und Transporte. Vorsicht ist auch bei fremden USB-Steckern geboten, die in Flughäfen und Hotels zu finden sind. Diese sollte man nicht nutzen. In einigen Ländern kommt auch sogenanntes „virtuelles Kidnapping“ vor: Angehörige werden mit erfundenen Entführungsgeschichten unter Druck gesetzt, um Geld zu erpressen. Die Verbreitung von Banking-Apps und Instant-Payment-Apps auf dem Mobiltelefon führt dazu, dass Opfer zunehmend gezwungen werden, mittels dieser Apps Gelder zu transferieren.
Digitale Nomadinnen und Nomaden buchen oft via Airbnb oder lokalen Plattformen. Worauf sollte man bei der Auswahl eines Stadtviertels und der spezifischen Immobilie achten, wenn man keine professionelle Sicherheitsabteilung im Rücken hat?
Michael: Airbnbs wirken oft authentischer und sind deshalb attraktiv, bringen aber auch Risiken mit sich. Wichtig ist vor allem die Lage: Gegenden mit bekannter hoher Kriminalität sollte man möglichst meiden. Internationale Hotelketten haben häufig Vorteile bei Zugangskontrollen, Gebäudesicherheit und standardisierten Abläufen. Wer privat mietet, sollte besonders auf Bewertungen, sichere Zugänge und die unmittelbare Umgebung achten. Es wurden bei Airbnb schon Fälle bekannt, in denen Gäste heimlich von einer versteckten Kamera im Bad aufgenommen wurden, dies ist aber auch in Hotels vorgekommen.
Der Laptop ist für Solo-Selbstständige im Ausland wie auch für Expatriates die Existenzgrundlage. Haben Sie eine Faustregel für den Transport von Hardware in Städten mit hoher Straßenkriminalität? Ist der unscheinbare Plastikbeutel manchmal sicherer als der hochwertige Diebstahlschutz-Rucksack?
Michael: Low Profile ist entscheidend. Keine auffälligen Luxus-Rucksäcke, keine Taschen mit dem Firmenlogo, taktische Farben oder teure Taschen. Ein unscheinbarer Beutel kann manchmal tatsächlich sicherer sein als ein sichtbarer High-End-Diebstahlschutz-Rucksack. Außerdem sollte man etwa im Taxi keine Fenster öffnen, wenn Laptop oder Tasche von außen erreichbar sind.
»Express-Kidnappings beschränken sich nicht nur auf wohlhabende oder prominente Personen. Besonders Reisende, die neu im Land sind, wenig Ortskenntnis haben und unorganisiert unterwegs sind, können betroffen sein.«
Große Firmen haben Krisenteams. Was sollte in den „Notfallplan“ eines oder einer Selbstständigen gehören, der allein in Südamerika lebt, falls das Handy geraubt wird – und damit der Zugang auf verschiedene Konten?
Michael: Wichtige Informationen sollten nicht ausschließlich digital gespeichert sein. Zugangsdaten, Notrufnummern, Sperrhotlines und Kopien wichtiger Dokumente sollten zusätzlich in Papierform und möglichst mehrfach verfügbar sein. Ebenso wichtig: Zwei-Faktor-Authentifizierung nicht nur ans gestohlene Smartphone koppeln. Außerdem macht es Sinn, regelmäßig eine Sicherheitskopie des Mobiltelefons anzufertigen.
Ältere Touristen auf dem berühmten Jairo-Varela-Platz Cali, Kolumbien. © anamejia18, AdobeStock
Sie und Ihr Team sind geschult und erfahren darin, Gefahren zu antizipieren. Wie aber unterscheide ich als Laie zwischen berechtigter Intuition und übertriebener Angst?
Michael: Wichtig ist, Risiken möglichst objektiv zu bewerten und weder zu unterschätzen noch zu dramatisieren. Heute gibt es viele offen zugängliche Informationen über Sicherheitslagen, Stadtviertel oder typische Betrugsmaschen. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass Intuition in manchen Situationen ein guter Ratgeber sein kann. Wer nachts allein unterwegs ist und bei einer Situation ein ungutes Gefühl hat, sollte dieses Gefühl nicht ignorieren. Gleichzeit kann es gerade bei ersten Reisen auch zu einer übertriebenen Angst kommen. Medienberichte schaffen ein bestimmtes Bild, welches von der Realität vor Ort abweichen kann. Versuchen Sie, sich über mehrere Quellen, wie Webseiten von Außenministerien oder mittels einer Länderdatenbank, ein eigenes Bild im Vorfeld zu verschaffen.
Wenn Sie Expats nur drei konkrete Empfehlungen für ein sicheres Leben vor Ort mitgeben könnten – welche wären das?
Michael: Erstens: Unauffällig bleiben und keine unnötige Aufmerksamkeit erzeugen – „graue Mäuse leben länger“.
Zweitens: Lokale Routinen und Sicherheitsregeln ernst nehmen, statt alles mit europäischen Maßstäben zu bewerten.
Drittens: Immer einen Plan B haben – für Kommunikation, Geld, Dokumente und den Heimweg.

Über Michael Pülmanns
Michael Pülmanns war 18 Jahre bei einer deutschen Sicherheitsbehörde im In- und Ausland tätig, unter anderem in Mittel- und Südamerika sowie im Nahen Osten, mit Stationen an deutschen Auslandsvertretungen und umfangreichen Ausbildungen für Einsätze in Krisenregionen.
Seit 2015 ist er neben Pascal Michel Geschäftsführer der SmartRiskSolutions und Teil eines internationalen Krisenreaktionsteams für Bedrohungs-, Erpressungs- und Entführungslagen. Zudem arbeitet er als Verhandlungsexperte für internationale Unternehmen im Bereich Krisen- und Sicherheitsmanagement.

Über SmartRiskSolutions
SmartRiskSolutions ist eine Sicherheitsberatung mit Spezialisierung auf Risiko- und Hochrisikoregionen weltweit. Das Unternehmen unterstützt mittelständische Kunden, internationale Großkonzerne, Medien und NGOs in den Bereichen Sicherheits-, Risiko- und Krisenmanagement – unter anderem bei Auslandseinsätzen, Reisesicherheit und Präventionsmaßnahmen. Darüber hinaus begleitet SmartRiskSolutions Crisis Response und Krisenmanagement unter anderem bei Entführungen, Evakuierungen, Bedrohungsfällen und Cyberkrisen.




