Eingabehilfen öffnen
Zum Hauptinhalt springen

„Wer ins Ausland geht, besonders mit Kindern, sieht sein Herkunftsland noch einmal mit ganz anderen Augen“

02. September 2026
Minuten
Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebte Steffi Hochgraef mehrere Jahre im Rahmen beruflicher Entsendungen in Ecuador und Bolivien. Dort erlebte die Familie nicht nur den Alltag in Südamerika, sondern auch besondere Herausforderungen wie die Zeit der Corona-Pandemie.
Steffi vor dem Cotopaxi, mit circa 5.900 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde, rund 50 km südlich der Hauptstadt Quito gelegen.
Steffi vor dem Cotopaxi, mit circa 5.900 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde, rund 50 km südlich der Hauptstadt Quito gelegen. © Steffi Hochgraef
Steffi vor dem Cotopaxi, mit circa 5.900 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde, rund 50 km südlich der Hauptstadt Quito gelegen. © Steffi Hochgraef

Steffi, ihr seid Ende 2022 von Bolivien nach Deutschland zurückgekommen – man könnte sagen, ihr wart über 10 Jahre unterwegs, wenn man eure Zeit in Deutschland „mitzählt“. Ihr kommt ursprünglich aus Schwerin und Berlin, habt zwischen Ecuador und Bolivien in Hannover gewohnt und seid schließlich in Hamburg gelandet. Wenn man in ein anderes Land geht und dort lebt, was ist aus deiner Sicht das Wichtigste, um irgendwo richtig „ankommen“ zu können?

Steffi: Ich glaube, dass „Ankommen“ immer auch mit „Integration“ verbunden ist: Man sollte sich mit der Kultur und der Lebenssituation der Einheimischen beschäftigen, sie kennenlernen und auch deren Sprache sprechen. Über Sprache passiert so viel, sie öffnet viele Türen. Für mich war immer wichtig, dass ich mich komplett auf alles Neue einlasse, Gewohnheiten und Routinen ablege und über meine Komfortzone hinausgehe.

Es ist ein großes Geschenk, wenn man in einem anderen Land leben kann – für wie lange auch immer. Und es sollte einem auch immer bewusst sein, welch ein Luxus das ist – und, dass wir trotz allem immer Ausländerinnen und Ausländer sein werden. Nur, wenn man sich integriert, kann man ein kleiner Teil davon werden: Dann sehen einen die Menschen vor Ort auch mit anderen Augen und merken, dass man wirklich Interesse an ihnen und ihrem Land hat. Für mich ist „ankommen“, mich da wo ich bin, am richtigen Ort zu fühlen.

»Im Ausland zu leben, ist immer ein großes Abenteuer.«

Anfang 2011 erhielt Steffis Mann die Zusage, als Bundesprogrammlehrkraft an der Deutschen Schule in Quito arbeiten zu können. Steffi, die zuvor befristetet an der Leuphana Universität Lüneburg angestellt war, befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Mutterschutz – ihr Arbeitsvertrag war kurz vorher ausgelaufen. Für die Familie war der Zeitpunkt ideal: Nachdem sie ihren gesamten Haushalt verschenkt, verkauft oder eingelagert hatten, sind Steffi, ihr Mann und ihre kleine Tochter im Sommer 2011 zu dritt in den Flieger nach Ecuador gestiegen.

Wie habt ihr euch auf eure Zeit in Ecuador im Vorfeld vorbereitet?

Steffi: Abgesehen davon, dass wir wussten, dass Ecuador in Äquatornähe liegt, hatten wir zu Beginn keine wirkliche Vorstellung davon, was uns erwarten würde – zum einen hatten wir aufgrund eines Auslandssemesters in Indien die Vermutung, dass uns so richtig nichts schockieren würde, zum anderen waren wir generell sehr offen gegenüber allem, was da auf uns zukommen könnte.

Blick auf den Garten aus dem Haus in Tumbaco.Blick auf den Garten aus dem Haus in Tumbaco. © Steffi Hochgraef

Generell wird einem, bevor man einen Auslandsdienst antritt, der Kontakt zu einer Familie vermittelt, von der man sozusagen betreut wird und mit der wir dann grundlegende Themen vorab klären konnten – beispielsweise, was wir besser aus Deutschland mit nach Ecuador bringen sollten. Da wir beide zum Zeitpunkt der Zusage kein Spanisch konnten, stand für uns außerdem fest, dass wir uns sprachlich vorbereiten wollten.

Und wie sah dann der Start vor Ort konkret aus?

Steffi: Da wir uns vorab keine Wohnung oder ein Haus gesucht hatten, sind wir für die erste Woche nach unserer Ankunft in Ecuador erst einmal in ein Hostel in Quito gezogen. Übergangsweise konnten wir anschließend in dem Haus anderer deutscher Auslandslehrkräfte, die aktuell auf Reisen waren, wohnen, und haben uns mit einer Maklerin, die uns von der deutschen Schule in Quito empfohlen wurde, diverse Häuser und Wohnungen angeschaut – und nach einer kurzen Zwischenstation in einem überteuerten, möblierten Haus, inklusive Hausangestellte und einem wunderschönen Garten, sind wir schließlich in ein Nachbarhaus von Freunden gezogen, die wir über die Schule kennengelernt hatten.

Steffi mit ihrer Tochter bei einer Wanderung in Mindo, dass auf etwa 1.250 Metern Höhe liegt und das Zentrum eines subtropischen Naturschutzgebietes ist.Steffi mit ihrer Tochter bei einer Wanderung in Mindo, dass auf etwa 1.250 Metern Höhe liegt und das Zentrum eines subtropischen Naturschutzgebietes ist. © Steffi Hochgraef

Die meisten Ausländerinnen und Ausländer ziehen in Quito in bewachte Wohnanlagen – für uns war das aber nichts, da wir freier leben wollten und uns eine enge persönliche Gemeinschaft wichtig war. Wir sind daher nach Tumbaco, einem dörflicheren Stadtteil von Quito, gezogen und hatten dort einen riesigen Garten mit vielen Avocadobäumen, ein Haus im Bungalow-Stil mit ebenfalls viel Platz und wirklich toller Nachbarschaft, bei der alle aufeinander geachtet haben.

Welche Tätigkeiten darf man als mitgereister Partner einer deutschen vom Bund entsendeten Lehrkraft in Ecuador ausüben?

Steffi: Als mitgereister Ehepartner beziehungsweise mitgereiste Ehepartnerin – oder wie es in meinem Reisepass stand: als „Frau des Lehrers“ – bekommt man nicht automatisch eine Arbeitserlaubnis. Dafür muss der Partner oder die Partnerin beispielsweise von einem Unternehmen vor Ort angestellt werden und einen Arbeitsvertrag erhalten, um dann eine Arbeitserlaubnis beantragen zu können.

Wie sah denn dann dein persönlicher Alltag in puncto Erwerbs-, Freiwilligen- und Sorgearbeit in Quito aus?

Steffi: Ich hatte verschiedene Jobangebote und auch Vorstellungsgespräche und habe mich schließlich für eine ehrenamtliche Tätigkeit beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) entschieden. So war ich beispielsweise flexibler, wenn es ums Reisen in der Ferienzeit der Schule ging – immerhin wollte ich Ecuador auch über die Grenzen Quitos hinaus sehen und erleben. Beim DAAD war ich Assistentin der Geschäftsführung und habe an der Uni San Francisco in Quito junge Menschen beraten, die sich für Stipendien des Austauschdienstes beworben hatten.

Im letzten Jahr unseres Ecuadoraufenthaltes durfte ich dann auch an der Deutschen Schule unterrichten – und zwar eine Büroklasse, die zum Berufsschulzweig der Schule gehörte.

Zu meinem Alltag gehörten neben der ehrenamtlichen Arbeit und der Betreuung unserer Kinder auch regelmäßige Besuche einer ansässigen Sprachschule, um Spanisch zu lernen. Letztlich habe ich dann das B2-Sprachdiplom mit der Unterstützung eines Privatlehrers von der Deutschen Schule erfolgreich bestanden.

Wie wichtig war für euch der Kontakt zu einheimischen ecuadorianischen Familien?

Steffi: Für uns war das schon wichtig. Und da uns ebenso wichtig war, dass unsere Tochter die Sprache vor Ort lernen sollte, war klar, dass sie nicht in den deutschsprachigen Kindergarten der Deutschen Schule gehen wird.

Wir hatten in Quito das Glück, eine tolle private ecuadorianische Einrichtung zu finden, die unsere Tochter ab anderthalb Jahren besuchte und uns somit auch viel mehr Kontakt zu ecuadorianischen Familien ermöglicht hat – außerhalb der deutschen Bubble vor Ort Menschen kennenzulernen und sogar Freunde zu finden, ist nicht so einfach, war aber eine wertvolle Erfahrung.

Die Art, wie ecuadorianische Kindergeburtstage beispielsweise gefeiert wurden, war spannend: stets sehr groß und unsere Tochter wurde immer eingeladen. Auch die Anwesenheit der Eltern gehörte dazu und eröffnete die Chance, sich intensiver auszutauschen.

Ist es in Ecuador üblich, seine Kinder in die Betreuung in Form einer Kindertagesstätte zu geben?

Steffi: Kindertagesstätten beziehungsweise Kitas sind generell üblich, da sie Teil des Vorschulprogramms in Ecuador sind. Es gibt staatliche Kitas, die sicherlich eher Einheimische besuchen. In dem Kreis und auch dort, wo wir gewohnt haben, leben jedoch eher Menschen, die finanziell gut aufgestellt sind und ihre Kinder in private Einrichtungen schicken – sowohl Ausländerinnen und Ausländer als auch Einheimische. Private Einrichtungen haben oft eigene pädagogische Konzepte und sind entsprechend gut ausgestattet, aber eben auch mit Kosten verbunden.

Wie sah so ein klassischer Tag in eurer Kita denn aus?

Steffi: Unsere Tochter wurde morgens mit dem Minibus bei uns zuhause abgeholt und in die Kita gefahren. Bis zum Mittag hatte sie dort ein abwechslungsreiches Programm mit Schwimmen, Englisch-Übungen, Außenaktivitäten mit Wasser, Farben oder Matsch und vielem mehr. Nach dem Mittagessen wurde sie mit dem Bus wieder nach Hause gebracht.

Steffi schaut sich mit ihren Eltern, die zu Besuch in Ecuador sind, den Kindergarten „Kanguru Playkids“ an, den ihre Tochter besucht.Steffi schaut sich mit ihren Eltern, die zu Besuch in Ecuador sind, den Kindergarten „Kanguru Playkids“ an, den ihre Tochter besucht. @ Steffi Hochgraef

Die Gruppen bei uns hatten sechs bis acht Kinder mit je zwei Erzieherinnen, die Mahlzeiten wurden alle vor Ort angeboten und wir mussten nichts mitgeben. Da es eine private Einrichtung war, war auch die Ausstattung sehr gut – es gab eine Schwimmhalle und ein großes Außengelände. Selbst Kaufen mussten wir lediglich eine Uniform, die aus Polo-Shirt und Jogginganzug bestand.

Es gab auch viele Veranstaltungen, an denen die Eltern aktiv mitwirken mussten.

Deutsche Schule La PazDeutsche Schule La Paz © Steffi Hochgraef

Was hat dich in Ecuador rückblickend besonders nachdenklich gestimmt?

Steffi: Es gab Sicherheitsaspekte, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste: Dass etwa vor Banken bewaffnetes Personal steht oder man in Quito Autofenster geschlossen hält und abends nicht an roten Ampeln stehen bleibt, um die Gefahren für Überfälle zu begrenzen.

Für uns als Familie ebenfalls befremdlich war das Thema Hausangestellte: Für Familien, die sich das leisten konnten, war es Gang und Gebe, Menschen anzustellen, die den Haushalt und manchmal sogar die Kinderbetreuung übernehmen. In puncto Job hat mich zudem überrascht, mit welchen Unsicherheiten lokal arbeitende Menschen generell umgehen müssen: Wenn man krank wird, bekommt man kein Geld und muss sogar damit rechnen, dass man seinen Job verliert – hier gibt es keinerlei Sicherheit.

Und was wirst du besonders positiv in Erinnerung behalten?

Steffi: Zusätzlich zur Geburt meines Sohnes, die ich immer in Erinnerung behalten werde, ist meine Vermissen-Liste sehr lang. Ziemlich weit oben steht auf jeden Fall das Wetter: Mit fast immer blauem Himmel und wenig Regen, lässt es sich einfach ganz anders leben. 

»Dass die Kinder gut ankommen werden – das war letztlich die größte Herausforderung für uns.«

Die extreme Naturvielfalt und die Naturschauspiele, wie Buckelwalwanderungen um den August herum im Pazifik, die Vulkanausbrüche des Tungurahua oder die Nebelwälder in Mindo, haben mich tief beeindruckt. Wir waren viel unterwegs, haben Ausflüge zu Lagunen und heißen Quellen gemacht, waren vor Vulkanen wandern und sind ans Meer gefahren, oder auch quer durchs Land mit dem Auto bis nach Peru. Die Galapagosinseln sind so wunderschön, die muss man gesehen haben.

Wanderung mit anderen entsandten Lehrkräften und ihren Familien in der Palca Schlucht, ein rund acht Kilometer langer Canyon nahe La Paz.Wanderung mit anderen entsandten Lehrkräften und ihren Familien in der Palca Schlucht, ein rund acht Kilometer langer Canyon nahe La Paz. © Steffi Hochgraef

Die Menschen, ihre Kultur, Traditionen und Feste – all das war so interessant und farbenfroh und jede Region hatte ihre ganz eigene, besondere Art. Ich habe in Ecuador Freunde gefunden, mit denen ich bis heute in Kontakt stehe und mit denen ich mich, wenn es sich ergibt, treffe.

Nicht einmal vier Monate nachdem Steffi mit ihrer Familie im Januar 2020 für ein weiteres Auslandsabenteuer nach Bolivien gekommen ist, ist sie mit ihrer Familie aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie mit dem letzten Flieger aus La Paz nach Deutschland zurückgekehrt. Die vier sind die folgenden Monate übergangsweise in Lüneburg und Hannover bei Bekannten untergekommen und im Dezember nach Bolivien zurückgekehrt.

Zum Zeitpunkt eurer Ankunft in Bolivien konntet ihr ja noch nicht wissen, was aufgrund der Pandemie passieren wird. Ist euch mit Blick auf eure vorige Auslandserfahrung der erste Start in Bolivien leichter als der in Ecuador gefallen?

Steffi: Ein klares „Ja“. Wir sind mit insgesamt fünf Familien gleichzeitig zum Start des neuen Schuljahres nach La Paz gegangen – und direkt am Tag nach unserer Ankunft stand ein Kennenlernen-Ausflug zum Titicacasee an. Auf Anhieb haben wir uns alle gut verstanden und das hat den Start natürlich total einfach gemacht. Zudem kannten wir Bolivien schon ein bisschen durch einen Urlaub, den wir damals aus Ecuador heraus gemacht hatten. Plus: Wir wurden wieder von einer Familie betreut, mit der wir bereits in Deutschland schon regelmäßig in Kontakt waren.

Was hat euch noch geholfen?

Steffi: So wie in Ecuador gab es auch in La Paz eine deutschsprachige Community, in der wir weich gelandet sind – das hilft natürlich anfangs sehr. Zusätzlich waren wir in beiden Ländern Teil einer „Schul-Bubble“, innerhalb derer man sich mit anderen deutschen Familien trifft.

Eure Kinder waren bereits sieben und zehn Jahre alt, als ihr nach La Paz gezogen seid, und sind dann dort auch in die Schule gegangen, richtig?

Steffi: Genau. Unsere Kinder waren gemeinsam mit meinem Mann an der Deutschen Schule Mariscal Braun in La Paz. Da sie deutsche Muttersprachler waren und der Unterricht dort auf Deutsch gehalten wird, sind sie direkt eine Klasse höher eingestuft worden: Mein Sohn kam in die 2. Klasse und meine Tochter in die 5. Klasse.

Regelmäßige Spaziergänge führen die Familie auf dem „Hausberg“ - Meseta de Achumani - im gleichnamigen Viertel in La Paz, Bolivien.Regelmäßige Spaziergänge führen die Familie auf dem „Hausberg“ - Meseta de Achumani - im gleichnamigen Viertel in La Paz, Bolivien. © Steffi Hochgraef

Was weißt du über das Schulsystem in Bolivien und wie war es für deine Kinder, in einem fremden Land in eine neue Schule zu gehen?

Steffi: Generell besteht in Bolivien eine zwölfjährige Schulpflicht, die mit sechs Jahren und der Primarstufe von Klasse 1 bis 6 beginnt und an die Sekundarstufe von Klasse 7 bis 12 anschließt. Die Deutsche Schule in La Paz ist eine Begegnungsschule, die Kindergarten, Grund- und Sekundarstufe umfasst und ein trilinguales Modell – Deutsch, Spanisch und Englisch – anbietet. Abgeschlossen wird dort mit dem bolivianischen Bachillerato sowie dem Deutschen Internationalen Abitur (DINTA) oder dem Deutschen Sprachdiplom (DSD). 

Auch wenn der Unterricht dort auf Deutsch war und mein Mann ebenso in der Schule unterrichtete, ist so ein Schulstart nicht leicht. Doch die ersten großen Ängste, insbesondere bei meinem Sohn, hatten sich schnell gelegt – vor allem, weil er eine ganz tolle Lehrerin hatte, bei der er sich schnell wohl gefühlt hat. 

Dazu kam das Miteinander unter den Schülerinnen und Schülern, das ich persönlich als viel netter als in Deutschland wahrgenommen habe. Die Gemeinschaft dort war wirklich großartig, alle waren sehr offen und irgendwie waren wir mit vielen Menschen auf der gleichen Wellenlänge.

Die Seilbahnstation Irpavi der grünen Linie (Línea Verde) des Mi Teleférico-Netzes in La Paz, BolivienDie Seilbahnstation Irpavi der grünen Linie (Línea Verde) des Mi Teleférico-Netzes in La Paz, Bolivien. © Steffi Hochgraef

Wie sah denn ein normaler Schultag bei euch aus?

Steffi: Man darf nicht vergessen, dass wir kurz nach unserer Ankunft im Lockdown waren – so wie die ganze Welt. Ab dem 13. März gab es an der Deutschen Schule keinen Präsenzunterricht mehr und alles fand nur noch zuhause statt, bis wir ausgeflogen sind. Nachdem wir im Dezember 2020 zurückgekehrt sind, gab es fast ein ganzes Jahr ausschließlich Online-Unterricht.

Das war sehr herausfordernd, denn somit gab es vier Menschen, die gleichzeitig Internet benötigten, um am Unterricht teilzunehmen – ich selbst habe bereits ab der zweiten Woche bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche (IELHA) La Paz angefangen zu arbeiten und dort die Kommunikation sowie Website-Pflege übernommen. Für meinen Sohn war der Online-Unterricht, wie für vermutlich sehr viele Kinder weltweit, ein krasser Einbruch. Mit dem Übergang in die 3. Klasse ab Ende Januar 2021 bekam er eine bolivianische Klassenlehrerin, die kein Deutsch sprechen konnte und ihre Fächer, unter anderem Mathematik, auf Spanisch unterrichtete. Das führte dazu, dass er sprachlich bedingt dem Unterricht nur schwer folgen konnte und viel Begleitung bei der Umsetzung der Aufgaben brauchte. Erst im September 2021 startete die Schule wieder in Präsenz und auch nur für Kinder, die zu dem Zeitpunkt geimpft waren oder bereits eine Infektion hatten.

Abgesehen von Februar und März 2020, in denen die Schule eigentlich losgegangen ist und dann monatelang stillstand, hatten erst mit dem Neustart des Präsenzunterrichts unsere Kinder so richtig „normale“ Schultage in La Paz.

Wo und wie habt ihr in La Paz gewohnt?

Steffi: Wir hatten ein Haus im Süden von La Paz gemietet, dass sich im Tal auf 3.400 Höhenmetern im Stadtteil Achumani, wo auch die Deutsche Schule war, befand. Mein Mann und die Kinder sind die 15 Minuten Fußweg morgens bergab meist gelaufen oder ich habe sie gefahren – aufgrund der Höhenmeter und der schweren Schulranzen sind wir zurück aber immer mit dem Auto gefahren. Mein Mann ist allerdings fast immer gelaufen.

Wie habt ihr die verschiedenen Tagesabläufe unter einen Hut bekommen?

Steffi: Mein Mann und meine Kinder hatten durchaus unterschiedliche Anfangs- und Schlusszeiten – und ich selbst hatte die Anstellung in der Kirche und war zusätzlich ehrenamtlich bei den Voluntarias Alemanas tätig, die ein Büro im Kinderkrankenhaus Hospital del Niño in La Paz betreiben, das von uns betreut wurde, und dort Familien mit Kindern Unterstützung bietet. Anfang 2021 bin ich dann zur kanadischen Hilfsorganisation Help Bolivia gewechselt und habe zusätzlich als Freelancerin für ein deutsches Unternehmen gearbeitet.

Mein Sohn hatte meist bis mittags Unterricht und wurde von mir abgeholt oder von meinem Mann mitgenommen. Meine Tochter ist nach Unterrichtsschluss um 15 Uhr regelmäßig für anschließenden privaten Spanischunterricht zu einer Freundin nach Hause und wurde dann von mir abgeholt. Oder es gab Sport-AGs, die nach der Schule stattfanden.

Ich selbst hatte Tage, an denen ich komplett für das Kinderkrankenhaus oder die Kirche unterwegs war, Ausflüge begleitete oder Spenden übergeben habe, stundenweise als Freelancerin oder ehrenamtlich tätig war sowie unsere Kinder betreut habe. In der freien Zeit habe ich gern Tennis gespielt oder war schwimmen und habe mich regelmäßig mit Freundinnen getroffen. Als Familie waren wir auch ständig bei irgendwem am Nachmittag zu Besuch oder bekamen selbst Besuch.

Hattet ihr denn noch anderweitig Unterstützung, beispielsweise im Haushalt?

Steffi: Ja, trotzdem wir die Situation so befremdlich fanden, hatten wir zweimal die Woche eine Empleada bei uns, die wir gemeinsam mit einer anderen Familie von unseren Vorgängern übernommen hatten – in unseren Kreisen war das ein Muss, da wir so ihren Arbeitsplatz gesichert haben. Unsere Haushaltshilfe war von morgens bis nachmittags bei uns, hat sauber gemacht oder hat für uns alle Essen gekocht, auch für sich inklusive. Sie hat mal die Kinder abgeholt oder sonstige Dinge für uns erledigt, wenn wir Bedarf hatten.

Trotz der Situation, in der ihr euch während eurer Zeit in Bolivien aufgrund der Pandemie befunden habt, und auch mit Blick auf die zeitlich vorangegangenen politischen Unruhen im Oktober und November 2019 – was nehmt ihr aus eurer Zeit dort mit?

Steffi: Bolivien ist weitestgehend ein sehr ursprüngliches und traditionelles Land – gerade im Hochland. Und mit Blick auf La Paz muss man, meiner Ansicht nach, schon Mut mitbringen. Das ist keine Stadt, die man aus einer Laune heraus wählt oder wählen sollte, denn es gibt schon sichtbare Unterschiede zu Deutschland und Europa im Allgemeinen. Die Höhenlage und der damit verbundene Sauerstoffmangel kann zudem körperlich herausfordernd sein.

Meine Zeit im Kinderkrankenhaus hat mich sehr bewegt. Als ich dort tätig war, habe ich gesehen, wie die Bedingungen für die Eltern und Familienangehörigen sind: Verwandte, die auf einem Stuhl oder Sessel tagelang neben ihren Kindern geschlafen haben, mit zig anderen in einem großen Raum – da bewertet man die Situation in seinem Heimatland dann doch noch einmal ganz anders.

Nicht selten habe ich Geschichten über Menschen gehört, die falsche oder auch keine Erwartungen an Bolivien mitgebracht haben und dann enttäuscht wurden. Wer aber offen ist für ein Land, das bei weitem nicht perfekt und sehr ursprünglich ist und der die enorme Vielfalt an Natur und Kultur wertschätzt – was auch gleichermaßen für Ecuador gilt –, der ist hier genau richtig.

Die Sarganaga – eine beliebte Einkaufsstraße im  historischen und touristischen Zentrum von La PazDie Sarganaga – eine beliebte Einkaufsstraße im historischen und touristischen Zentrum von La Paz. © Steffi Hochgraef

Was schätzt ihr persönlich ganz besonders an Bolivien?

Steffi: Meine Familie und ich hatten aufgrund der Pandemie und der Einschränkung, dass Touristinnen und Touristen Bolivien nicht bereisen durften, das große Glück, die Naturwunder dieses Landes ganz unberührt zu genießen: zum Beispiel den Salar de Uyuni, den größten Salzsee der Welt, inklusive einer Rundtour zu den dortigen Lagunen. Damals waren wir die ersten, die den Nationalpark wieder befahren durften und außer uns war dort niemand zu sehen – das war einfach richtig krass. Generell hat uns die unberührte Natur beeindruckt. Ausflüge in Gruppen zu Vulkanen oder anderen besonderen Gebieten waren immer ein Abenteuer, denn es gab keine wirklich gekennzeichneten Routen oder Wege und nur ganz selten irgendwelche Ausschilderungen. Wir haben unvergessliche Dinge gesehen, sowohl im Dschungel als auch auf 5.000 Metern Höhe, wo wir die Macht der Berge gespürt haben. Wir durften unglaubliche Kostüme und Tänze zu diversen Anlässen sehen und die verschiedensten Menschen kennengelernt.

Ich habe besonders durch meine Tätigkeit für die Kirche und Help Bolivia den Austausch mit verschiedensten Menschen und deren Kulturen erlebt und immer wieder aufgezeigt bekommen, wie gut es uns doch eigentlich geht und wie selbstverständlich für uns Dinge sind, von denen andere nur träumen können.

Die Menschen, die wir in Bolivien kennengelernt haben, waren und sind noch immer ein Geschenk. Es sind so tolle Freundschaften entstanden und wir hatten viele schöne gemeinsame Erlebnisse und Ausflüge, haben zusammen die Corona-Zeit überstanden und uns immer ausgetauscht und unterstützt. Bolivien hat auf jeden Fall mein Herz gewonnen und mich sehr geprägt. Und auch, wenn die Pandemie einschneidend war, so überwiegen die positiven Erlebnisse. Ein bisschen Fernweh schwingt da immer mit, wenn ich an das Land denke.

Ecuador und Bolivien sind Länder, die, wenn es um die Qualität der gesundheitlichen Versorgung geht, bei einigen Menschen vermutlich nicht ganz vorurteilsfrei bewertet werden – daher ist es natürlich spannend zu wissen, wie ihr euch gesundheitlich abgesichert habt. Was würdest du anderen Familien empfehlen, die für längere Zeit ins Ausland gehen wollen?

Steffi: Sich im Vorfeld ausgiebig zu informieren und eine verlässliche Krankenversicherung zu haben, die einen während des Auslandsaufenthaltes absichert, ist enorm wichtig – und nochmal ganz besonders, wenn man kleine Kinder hat oder, so wie ich, sogar schwanger ist und in einem anderen Land sein Kind zur Welt bringen möchte. Bei meinem Mann war das im Rahmen seiner Entsendung sehr einfach geregelt und er musste sich nur um wenige Dinge kümmern. Ich hingegen war nicht über ihn und die Kinder versichert und musste mich selbst krankenversichern. Ohne einen entsprechenden Versicherungsschutz hätten wir in Ecuador und Bolivien sehr hohe Kosten selber tragen müssen.

In Ecuador war ich über eine ecuadorianische private Krankenversicherung versichert, die uns von der dortigen Schule empfohlen wurde. Nicht inbegriffen waren dort Kosten, die im Rahmen von Heimatbesuchen fällig wurden. Inkludiert waren beispielsweise die Kosten rund um meine Schwangerschaft und schon zu Beginn musste ich die Versicherung im Zuge eines operativen Eingriffs in Anspruch nehmen. Das Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde, war wirklich sehr modern: Ich fand meinen Namen in der Eingangshalle mit entsprechender OP-Uhrzeit und tatsächlich lief alles reibungslos und sehr professionell ab. Die Geburt im Krankenhaus ist ebenfalls gut gelaufen – auch wenn sich der Ablauf zwischen Ärzten, Hebammen und weiteren Beteiligten dann doch ziemlich von einer Geburt in einem deutschen Krankenhaus unterscheidet.

In Bolivien, wo ich über eine internationale Krankenversicherung abgesichert war und die Kinder über meinen Mann im Rahmen der Entsendung, musste beispielsweise mein Sohn nach einem Unfall am Arm operiert werden – eine sehr kostenintensive und aufwändige OP, die übernommen wurde. Aber auch die Arztbesuche in Deutschland waren dieses Mal abgedeckt, was gut war, da ich während der Corona-Pandemie klassische Kontrollbesuche und so weiter habe machen lassen.

Egal wie man abgesichert ist, bedenken sollte man immer, dass man in Vorkasse gehen muss – und auch das sollte finanziell eingeplant werden. 


Foto von Rebecca Kalisch-Kluetz

Rebecca Kalisch-Kluetz

Rebecca Kalisch-Klütz verantwortet die Abteilung Unternehmenskommunikation und Marketing des BDAE als Leiterin seit 2024. Sie liebt es, die Welt zu bereisen und hat schon in verschiedenen Ländern der Welt gelebt. Am liebsten ist sie auf Entdeckungsreise in Südostasien. Sie schreibt gerne über andere Länder und Kulturen und ist immer auf der Suche nach individuellen, spannenden Geschichten von und über Menschen, die im Ausland leben und arbeiten.

Nichts mehr verpassen

Melden Sie sich jetzt kostenlos für unseren Newsletter an und erhalten spannende Geschichten, wertvolle Praxistipps und fundierte Informationen rund um das Leben und Arbeiten im Ausland direkt in Ihr Postfach.