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Wenn die Toten zu Gast sind – Taiwans Geistermonat

30. Juli 2026
Claudio Sieber
Minuten
In Taiwan ist die Nächstenliebe «unsterblich», im wahrsten Sinne des Wortes. Als Tribut für die Seelen der Vorfahren werden während des Geistermonats verschwenderische Bankette inszeniert und haufenweise spirituelle Währung verbrannt. Die spirituelle Fürsorge kommt auch den Lebenden zugute – sind die Geister glücklich, bewahren sie die Lebenden vor Unheil.
Menschen, die am Tag nach dem Geistermonat bunte, aber bösartig wirkende Masken und prunkvolle Gewänder tragen.
In Chiayi ziehen am Tag nach dem Geistermonat Tänzer und Schutzfiguren durch die Stadt, um verbliebene Geister aus der Welt der Lebenden zu vertreiben. Viele Bewohner nutzen den Anlass, um Opfergaben auszulegen und für Schutz und Glück zu beten.
In Chiayi ziehen am Tag nach dem Geistermonat Tänzer und Schutzfiguren durch die Stadt, um verbliebene Geister aus der Welt der Lebenden zu vertreiben. Viele Bewohner nutzen den Anlass, um Opfergaben auszulegen und für Schutz und Glück zu beten.

Taiwan. Der Legende nach werden Sünder mit einem gespenstischen Nachleben bestraft, während eine reine Weste mit einer Reinkarnation belohnt wird. Der genaue Zeitpunkt einer Wiedergeburt in neuer Gestalt bleibt jedoch ungewiss, sodass jedem bis dahin unendlich Sorge getragen werden soll – mit bedeutsamer Geisterpost, die von Herzen kommt.

Für Auswärtige wirkt der Geistermonat zunächst wie ein losgelöstes Spektakel zwischen Folklore und Aberglaube, aber auch Kommerzialisierung – bis sich zeigt, wie tief die damit verbundenen Rituale in die taiwanesischen Routinen hineinreichen. Unabhängig von der eigenen Überzeugung lohnt es sich daher, diese sensiblen Praktiken im sozialen und geschäftlichen Kontext zu respektieren, bestenfalls sogar zu verstehen.

Der Monat der wandernden Geister

Drachentänzer schaukeln zu Trommelwirbeln und explodierenden Knallketten vor dem festlich geschmückten Geistertempel Lao Da Gong in der Hafenstadt Keelung, unweit der progressiven Megalopolis Taipeh. Drinnen wabern verführerische Düfte von Sandelholz und Weihrauch, eine Gläubige verbeugt sich hastig vor dem mit Opfergaben überhäuften Altar und säuselt dazu ein Gebet, bis ein hallender Klang die Mitternacht und mit ihr jegliches Geräusch verschlingt. Der örtliche Bürgermeister grinst in die Kamera und öffnet per fiesem Quietschen die Pforte zur Unterwelt. Das Ritual zum Auftakt des siebten Monats des Mondkalenders repräsentiert eine formelle Einladung an die Seelen der Verstorbenen, das Reich der Lebenden zu besuchen. In Keelung geht es dabei oft deutlich ausgelassener zu als in Taipeh, wo Umweltauflagen und städtische Vorschriften viele Rituale in geordnetere Bahnen lenken.

 Im Lao-Da-Gong-Tempel in Keelung betet eine Frau vor einem kunstvoll verzierten Schrein.Im Lao-Da-Gong-Tempel in Keelung betet eine Frau während der nächtlichen Zeremonie zur Öffnung der „Höllentore“. Das Ritual markiert den Beginn des Geistermonats, in dem umherirrende Seelen symbolisch in die Welt der Lebenden entlassen werden. Viele Gläubige bitten in dieser Nacht um Schutz, Glück und eine friedliche Begegnung mit den Besuchern.

 Rote Lampignons leuchten in der Nacht an der Fassade eines Tempels. Davor ist ein kunstvoll geschmückter Drache zu sehen.Im Lao-Da-Gong-Tempel in Keelung beginnt der Geistermonat mit der Öffnung der „Höllentore“. Viele Gläubige bitten in dieser Nacht um Schutz und Glück für die kommenden Wochen, wenn umherirrende Seelen frei durch die Welt der Lebenden ziehen dürfen.

Während Zhongyuan, dem Monat der wandernden Geister, finden inselweit verschiedenste Rituale und Feste statt. Dabei ist die «Pudu»-Zeremonie (dieses Jahr am 11. September) zweifelsohne die Quintessenz der Feierlichkeiten. Dann säumen reich gedeckte Opfertische Gehwege und Tempelanlagen. Blumenbouquets, feine Klassiker der orientalischen Küche, aber auch Fertignudeln, Kekse, Spanferkel, Zigaretten und gängige Süssgetränke – es fehlt an nichts. Kommt ein Clan oder eine ganze Nachbarschaft zusammen, wird der Ritus von einem taoistischen Priester mit konstantem Glöckchengebimmel und Singsang begleitet.

Mitglieder einer taiwanesischen Familie stehen an einem Tisch, auf dem verschiedene Lebensmittel zu sehen sind: Bierdosen, Kekse, Schüsseln mit Essen. Die Personen blicken in die Kamera, einige strecken ihren Daumen nach oben.Beim Pudu-Ritual in Keelung stellt die Familie Chen Speisen, Getränke und Räucherstäbchen für umherirrende Geister bereit. Tochter Beryl Chen (zweite von rechts) ist dafür aus Taipeh angereist; nach dem symbolischen Mahl der Geister isst die Familie die Opfergaben gemeinsam. Solche privaten Pudu-Zeremonien sind in den Grossstädten Taiwans rückläufig, weil vielen Menschen im Alltag die Zeit dafür fehlt. Stattdessen nehmen sie häufiger an größeren Tempelritualen teil.

Sobald sich die weitgereisten Gäste ordentlich verpflegt haben, steht ihnen ein Waschbecken mit Spiegel und Zahnbürste zur Verfügung – sie sollen den Rückweg gut gestärkt und «belebt» antreten. Selbst im Nachleben läuft nichts ohne Cash, weshalb zum Abschluss jeder Andacht haufenweise Geisterwährung aus traditionellem Reis- oder Bambuspapier, plagiiertem Fiatgeld und aufwendig gestalteter Zhǐzhā-Papierkunst verbrannt wird.

Verschiedene Menschen stehen vor dem Eingang zu einem Gebäude um eine Feuerschale und werfen gelbe, längliche Zettel in die Flammen.Beim Firmen-Pudu der Daqing Stock Trading Company in Keelung kommt die ganze Belegschaft zusammen, um den Geistern zu huldigen. Das Bankett und das anschliessende Verbrennen von Geistergeld sollen auch wirtschaftliches Glück sichern.

Woher stammt der Geistermonat?

Über die Jahrhunderte verschmolzen buddhistische und taoistische Philosophien, konfuzianische Ethik und schliesslich persönliche Geisterbegegnungen zu einer Ideologie, die heute Millionen Ostasiaten prägt. Während diverse abendländische Glaubensvorstellungen keinen irdischen Platz für Geister einräumen und diese (falls sie nicht im Himmelsreich angekommen sind) als Fabelwesen verklären, befürworten viele Asiaten stattdessen ein interdimensionales und harmonisches Miteinander. Vor allem die orientalischen Länder mit einer Historie chinesischer Migration sowie Grosschina selbst führen mannigfaltige Zeremonien durch, um den direkten Vorfahren, heiligen Gottheiten (gute wie böse) und nicht zuletzt den wandernden Geistern, den «Good Brothers» beziehungsweise den «guten Brüdern», zu huldigen. Die überschaubare Insel Taiwan, die von China als abtrünnige Provinz betrachtet wird, bewahrt trotz ihrer modernen Gesellschaft eine der subtilsten Kulturagenden im Fernen Osten.

Geschenke für das Jenseits

Die Tradition der Feueropfer reicht über zwei Millennien zurück, als die chinesische Bevölkerung ihren Vorfahren neben Gold und Juwelen auch lebende Menschen mit ins Grab legte. Nach und nach wurden diese Praktiken durch Tonskulpturen oder andere Artefakte ersetzt und mit der Erfindung des Papiers während der Han-Dynastie schliesslich durch handlicheres Räucherpapier. Je nach Design und Verarbeitung sind die Opferwährungen für Geister, direkte Vorfahren oder einen Schutzgott mit spezifischem Aufgabenbereich bestimmt. Bedürftige Geister erhalten vorzugsweise Reispapier mit aufgedruckten Symbolen von Kleidungsstücken inklusive Schere, falls die Größe nicht passt; direkte Vorfahren wiederum kommen zu besonderen Anlässen oder auch während des Geistermonats so richtig auf ihre Kosten. Unlängst schicken moderne Taiwaner ihren Liebsten vorzugsweise verschwenderische Geisterpost aus Pappmaché – Papiernachbildungen von Zigaretten, Bier, Hygieneartikeln, der neuesten Mode, Goldbarren, Sportautos, Uhren, Plagiaten jeglicher Kosmetikartikel, Playstations, Mobiltelefonen und natürlich Computern.

Bunt bedruckte Karten und Abwandlungen von Geldscheinmotiven liegen übereinander

Eine teuer wirkende silberne Uhr liegt in einem schimmernden Etui

Eine junge Frau schiebt das Modell eines Hauses in ein Schaufenster, in dem bereits andere Haus-Modelle stehenIn einem Laden nahe eines Bestattungsunternehmens bei Taipeh verkaufen Liao Yi Chen und ihre Tochter Liao Yi Lan Feueropfer für Verstorbene. Neben traditionellem Geistergeld gibt es heute auch Villen mit Pool, Garage und Dienstpersonal. Durch das Verbrennen sollen die Gaben in die jenseitige Welt gelangen.

Bei Trauerfeiern, Grabpflegetagen oder Todesjubiläen werden gar komplette Papiervillen mit Pool, Garage und Zimmermädchen verbrannt. Für tote Reiselustige und Expats gibt es Koffer inklusive Reisepässe, Visa, Kreditkarten sowie Bargeld in verschiedenen Landeswährungen – sicher ist sicher. Im Zuge des materialistisch geprägten Lebensstils in Taiwan steigen auch die Ansprüche an die Geschenke für die Toten; diese Nische haben findige Geschäftsleute längst besetzt und die Herstellung dreidimensionaler Imitationen zu einem lukrativen Markt entwickelt. Mittlerweile sind die filigranen Papierarbeiten zu Prestigeobjekten geworden und entsprechend kostspielig. Kleinere Stücke, etwa ein Smartphone aus Papier mit «spirituellem Speicher», liegen bei rund 100 Euro, während aufwendig gestaltete Papiervillen schnell mehrere tausend Euro kosten können. Um die Ahnen im Jenseits bei Laune zu halten, wird hier kaum gespart. Eines haben die Gaben alle gemeinsam: Sie werden nur gebaut, um verbrannt zu werden, denn erst das Feuer transportiert sie in die Welt der Toten, wo sie sich wieder materialisieren. Während des Geistermonats sollen die Schenkungsrituale sicherstellen, dass die Seelen zufrieden zurückkehren – nur dann bleiben die dualen Kräfte Yin und Yang im Gleichgewicht. In Taiwan gilt die Welt der Lebenden und die der Toten als untrennbar verbunden; ihr Einfluss prägt den Alltag bis heute. Postskriptum: Auch wir Schaulustigen und Souvenirjäger können solche 2D- und 3D-Opferwährungen in landesweit verbreiteten Läden nahe buddhistischer und taoistischer Tempel erwerben. Doch Vorsicht: Wer Geistergeld als Scherz an Lebende verschenkt, riskiert, die Toten zu verärgern.

Inspiriert von lokalen Legenden haben sich einige Anlässe wie das Laternenfest in Keelung über Jahrhunderte zu pompösen, touristenfreundlichen Veranstaltungen entwickelt. Im schattigen Vorhof seines Elternhauses tüftelt der Friseur und autodidaktische Zhǐzhā-Künstler Du Zhen Hao an einem besonders raffinierten Feueropfer. Jahr für Jahr gestaltet er eine schwimmende Laterne in Form einer Adelsresidenz, verziert mit den typischen Motiven der lokalen Mythologie. Sein detailverliebtes Werk ist den Vorfahren gewidmet, die ihr Leben infolge ethnisch-territorialer Konflikte in der Bucht von Keelung verloren haben – als würdige Unterkunft im Jenseits. «Die Moral der Menschen ist schwach, alles muss wissenschaftlich erwiesen sein», tadelt Taiwans jüngster Volkskünstler, der sich ehrgeizig für den Erhalt der Bräuche seiner Heimat einsetzt. «Dabei scheint die neueste Technologie zunehmend wichtiger zu sein als die spirituelle Pflege der Vorfahren.»

Nächtliche Straßenszene mit einem jungen Mann im Vordergrund und vielen Menschen im Hintergrund. Der Mann befüllt eine Laterne mit Geistergeld.Der Friseur und Künstler Du Zhen Hao bewahrt in Keelung eine jahrhundertealte Volkskunst. Jedes Jahr werden in der Bucht schwimmende Laternen mit Geistergeld gefüllt, entzündet und dem Meer übergeben.

Taiwan – politischer Status im Überblick

Taiwan (offiziell Republik China, ROC) ist ein demokratisch regierter Inselstaat mit eigener Regierung, Verfassung, Währung und Armee. De facto agiert das Land unabhängig von der Volksrepublik China, die die Insel jedoch als rebellische Provinz betrachtet und langfristig eine Wiedervereinigung anstrebt. International ist der Status komplex: Nur eine begrenzte Anzahl von Staaten erkennt die Republik China offiziell als souveränen Staat an. Die meisten Länder – darunter auch die Schweiz und die EU-Mitgliedstaaten – unterhalten keine formellen diplomatischen Beziehungen, pflegen jedoch enge wirtschaftliche, kulturelle und teilweise sicherheitspolitische Kontakte. Die Insel ist nicht Mitglied der Vereinten Nationen, nimmt jedoch in verschiedenen internationalen Organisationen und Abkommen in unterschiedlicher Form teil. Trotz dieser eingeschränkten diplomatischen Anerkennung zählt sie zu den stabilsten Demokratien Asiens und spielt eine zentrale Rolle in der globalen Technologie- und Halbleiterindustrie. Die Beziehungen zwischen Taiwan und China gelten als einer der sensibelsten geopolitischen Konflikte der Gegenwart, wobei sich die Spannungen in den letzten Jahren zunehmend verschärft haben.

Quellen: Ministry of Foreign Affairs Taiwan; United Nations; European External Action Service; Council on Foreign Relations; Brookings Institution

Der Stichtag für Meister Du Zhen Hao rückt immer näher. Während er sich in Szene setzt, verschlingt im Hinterhof der Daqing Stock Trading Company eine Feuersbrunst stapelweise Geistergeld. Die Angestellten hatten zuvor ein opulentes Bankett angerichtet, um die Geister der Nachbarschaft zu verköstigen. Nun folgt der Geldsegen, und der ist nicht nur karitativer Natur – obwohl die Firma ganz modern online mit Aktienkursschwankungen ihre Gewinne erzielt, glaubt die Gründerin Hu Shu Fen ebenso an die Bedeutung von spirituellem Geld. «Glückliche Geister sind das Fundament eines erfolgreichen Unternehmens», erklärt sie und betont, dass sich die Bilanz der Daqing dank üppiger Spenden an die Geisterwelt seit fünf Jahren konstant verbessert habe. Aberglaube? Für internationale Geschäftsleute mag diese Praxis ungewöhnlich wirken, doch vielerorts gehört das Zusammenspiel von wirtschaftlichen Abläufen und spirituellen Praktiken ganz selbstverständlich zum Alltag. Produkteinführungen werden verschoben, Vertragsabschlüsse hinausgezögert und Standortwechsel vertagt. Viele Betriebe – ob groß oder klein – führen entsprechende Rituale regelmäßig durch, um Glück, Stabilität und geschäftlichen Erfolg zu sichern, auch außerhalb des Geistermonats.

Eine Reihe von Türmen aus Bambusstäben erstrecken sich in den Nachthimmel. Zwei Männer klettern an ihnen empor.Beim Qiang-Gu-Geisterfest in Toucheng an Taiwans Ostküste klettern Teams über eingefettete Bambustürme zu einer zehn Meter hohen Plattform. Wer zuerst die Flagge an der Spitze erreicht, gewinnt für sein Team einen Neuwagen. Ursprünglich sollte die Zeremonie umherirrende Geister nach den Pudu-Opfern vertreiben. Heute verbinden sich taoistische Rituale, Opfergaben und Trommeln mit Sicherheitsnetzen, Sponsoren und einem spektakulären Wettkampf.

Faktenbox zum Thema Immigration

Taiwan hat sich in den letzten zehn Jahren weniger als klassische Expat-Destination, sondern vielmehr als hybrider Standort entwickelt: eine Mischung aus hochqualifizierten Fachkräften, regionalen Geschäftsleuten, einer wachsenden Szene von Remote-Arbeitern und Digital Nomads sowie einer zahlenmässig deutlich grösseren Gruppe an Arbeitsmigrantinnen und -migranten. Letztere stammen überwiegend aus Südostasien, insbesondere aus Indonesien, Vietnam, den Philippinen und Thailand, und sind vor allem in der Pflege, Industrie und im Baugewerbe tätig. Die Entwicklung ist deutlich messbar: 2015 lebten rund 650.000 Ausländerinnen und Ausländer in Taiwan, bis 2019 stieg die Zahl auf über 770.000. Nach einem pandemiebedingten Rückgang (2020/21) erreichte Taiwan 2023 erneut rund 850.000 ausländische Einwohnerinnen und Einwohner. Der Grossteil entfällt auf sogenannte blue-collar migrant workers, während hochqualifizierte Fachkräfte und klassische Expats nur einen kleineren, wenn auch wirtschaftlich einflussreichen Anteil ausmachen. Parallel dazu hat Taiwan gezielt Programme zur Anwerbung internationaler Talente ausgebaut, insbesondere im Tech- und Halbleitersektor. Städte wie Taipeh, Hsinchu und Taichung ziehen zunehmend Fachkräfte aus den USA, Europa und Japan an. Gleichzeitig bleibt Taiwan im Vergleich zu anderen asiatischen Metropolen ein eher gemütlicher Expat-Standort.

Quellen: National Immigration Agency Taiwan; Ministry of Labor Taiwan; National Development Council; World Bank Migration Data; OECD Migration Outlook

Die Skyline von Taipei vor einem grauen, gewittrigen Himmel.Der Turm «Taipeh 101» ragt über die Skyline der taiwanischen Hauptstadt, südlich (rechts im Bild) liegt einer der grössten Friedhöfe der Stadt. Der Kontrast zwischen Finanzzentrum und Gräbern zeigt, wie eng in Taiwan moderne Urbanität, Ahnenkult und Vorstellungen vom Jenseits nebeneinander bestehen.

Faktenbox zum Thema Visa

Taiwan unterscheidet bei der Einwanderung klar nach Qualifikation und Aufenthaltszweck. Für klassische Expats und Fachkräfte ist vor allem die Kombination aus Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsvisum (Resident Visa / Alien Resident Certificate, ARC) relevant, in der Regel gekoppelt an einen lokalen Arbeitgeber. Eine zentrale Rolle spielt seit 2018 die Employment Gold Card, ein kombiniertes Arbeits- und Aufenthaltsvisum, das hochqualifizierten Fachkräften aus Bereichen wie Technologie, Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur einen flexiblen Aufenthalt von bis zu drei Jahren ermöglicht – ohne direkten Arbeitgeber vor Ort. Für Selbstständige und Remote-Arbeiter bietet Taiwan damit eine der klareren Lösungen in Asien, auch wenn es kein klassisches Digital Nomad Visa im engeren Sinne gibt. Kurzaufenthalte sind für viele Nationalitäten visumfrei möglich (in der Regel 90 Tage), während längere Aufenthalte über Studien-, Arbeits- oder Investorenvisa geregelt werden. Ruhestandsvisa existieren in Taiwan nicht in der Form, wie sie etwa in Thailand angeboten werden. Langfristige Aufenthalte ohne Erwerbstätigkeit sind daher deutlich restriktiver geregelt.

Quellen: National Immigration Agency Taiwan; Bureau of Consular Affairs (MOFA); Taiwan Employment Gold Card Office; National Development Council

Im Dienst der Geister

Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es in Taiwan rund 15.000 Tempel – mystische Orte voller Sinnlichkeit und Anmut, welche wiederum Hunderten von verschiedenen Schutzgöttern, Stadtgöttern oder Volkshelden gewidmet sind. Dabei hat jeder Gläubige einen persönlichen Favoriten. Mit innigen Gebeten, Opfergaben und spezifischen Anlässen huldigen ihnen die Menschen. Und je mehr Sorgen sie haben, oder je sehnlicher sie einen Wunsch erfüllt haben möchten, desto häufiger schauen sie im Tempel vorbei. Je nach Herausforderung ist es jedoch oft unpraktisch, Wünsche und Sorgen direkt an die Ikonen zu richten. Klare Antworten bleiben da meistens aus. Gerade wenn es um Probleme mit Geistern geht, lassen sich die Menschen lieber von jemandem aus Fleisch und Blut beraten. In Taiwan gibt es dafür die Geistermedien. Diese führen meist ein ganz normales Leben. Sie arbeiten als Fahrer, Lehrkräfte oder in der Gastronomie. Eines haben sie aber alle gemeinsam - sie können mit beiden Welten kommunizieren. Die ehemalige Maskenbildnerin Nana Chen aus dem Neu-Taipeher Vorort Sanxia, kümmert sich während des Geistermonats mit Leib und Seele um das Wohl ihrer Anhänger, wie auch um das der Geister. Nur kann sie das nicht allein.

Ansicht von oben auf einen pinken Tisch. Auf ihm stehen verschiedene Speisen, vom Bildrand ragt ein Arm hinein. Die Hand blättert ein Buch um, das auf einem Ständer auf dem Tisch steht.Gerade wenn eine ganze Nachbarschaft für eine Pudu-Zeremonie zusammenkommt, darf ein taoistischer Priester nicht fehlen. Er liest Sutren, rezitiert Gebete und stellt sicher, dass das Ritual regelkonform abläuft.

Bei ihrem protzigen Bankett für die Verstorbenen oder den landesweit beliebten Geisteraustreibungsmessen lässt sich das Orakel in Besitz nehmen vom Geist des flegelhaften Volkshelden Ji Gong Shi-Fu. (Nanas Meister Ji Gong Shi-Fu war ein beliebter buddhistischer Mönch, der sich mit seinen übernatürlichen Kräften für die Armen einsetzte. Nichtsdestotrotz führten sein aufmüpfiges Benehmen und die Alkoholprobleme dazu, dass ihn die Mönchszunft schlussendlich vom Tempel verbannt hat. So wurde er zum wandernden Schützling, und mit seinem Tod zum Heiligen.) Dieser rülpst, spöttelt und trinkt beharrlich Whiskey, eigentlich das krasse Gegenteil der femininen Nana. Doch gemeinsam sind sie stark, mit vereinten Kräften verhandeln sie zwischen den beiden Reichen, praktizieren skurrile Heilmethoden oder segnen die Autos ihrer Anhänger. Denn störrische Geister können die Lebenden manipulieren, chronische Schmerzen verursachen – und schlimmstenfalls sogar Unfälle herbeiführen.

Dutzende Tabus ergänzen die Huldigungsetikette des Zhongyuan: Vom Kauf von Luxusgütern wird dringend abgeraten (Geldverschwendung – sie würde die Geister verärgern), das Aufhängen von Wäsche draussen gilt als riskant (Geister könnten hineinschlüpfen), rote Kleidung ist ein absolutes No-Go (sie zieht Geister magisch an), und Kinder sollten nicht unbeaufsichtigt im Freien spielen (ein leichtes Ziel für die Geister). Auf keinen Fall sollte man nachts durch die Gassen streifen; in der Nähe von Gewässern gilt es als besonders gefährlich, denn dort suchen die Geister nach jemandem, der ihren Platz einnimmt, um schneller wiedergeboren zu werden. Trotzdem wollen in der heutigen Vollmondnacht alle dabei sein. Stolz paradiert Keelungs Vorzeigekünstler Du Zhen Hao gemeinsam mit seinem Clan die illuminierte Laterne durch die Stadt, vorbei am belebten Nachtmarkt, über mit roten Papierlampions geschmückte Brücken, die nicht nur den Lebenden, sondern auch den Seelen den Weg weisen, hinaus zur Bucht. In Ekstase schwenkt er eine kultige Bambusstange über dem kunstvollen Gebilde, sodass die Geister es von der See aus erkennen können. Lodernd zerfällt es gemeinsam mit den anderen Laternen in den Wogen. Die Ahnen scheinen besänftigt – zumindest bis zum nächsten Jahr.

Mehrere brennende Plattformen schwimmen im Meer. Es ist Nacht. Rund herum sind Taucher im Wasser.Unter den Augen von Sicherheitstauchern verbrennen die Kunstwerke von Meister Du Zhen Hao und anderen Clans in der Bucht von Keelung.

Taiwan: Lebensqualität mit Tiefgang

Nicht nur die verstorbenen Ahnen sind in Taiwan gut aufgehoben. Auch für Expats zählt die Insel zu den attraktivsten Lebensräumen weltweit. Laut der Expat Insider Umfrage 2025 von InterNations zählt die Insel regelmässig zu den bestbewerteten Destinationen weltweit. Besonders hervorgehoben werden Lebensqualität, Sicherheit, Gesundheitsversorgung und die Offenheit der Gesellschaft. Im Gegensatz zu klassischen Auswanderungszielen steht weniger der Ruhestand im Vordergrund, sondern vielmehr berufliche Chancen, insbesondere im Technologie- und Industriesektor. Gleichzeitig ermöglicht Taiwan vielen Expats ein vergleichsweise komfortables Leben bei moderaten Lebenshaltungskosten – insbesondere ausserhalb von Taipeh. Auffällig ist zudem, dass sich viele Expats langfristig integrieren, anstatt in temporären Expat-Strukturen zu verbleiben. Sprachbarrieren bleiben zwar eine Herausforderung, werden jedoch durch eine hohe Alltagstauglichkeit und zunehmende Internationalisierung abgefedert. Selbst nach einem längeren Aufenthalt bleibt für uns Aussenstehende vieles rätselhaft – und genau darin liegt der Reiz. Wer sich darauf einlässt, erkennt bald, dass Taiwan von Beziehungen geprägt ist, die sich dem rein Sichtbaren entziehen.

Eine Straßenszene spiegelt sich in einer großen Glasscheibe. Davor steht ein Tisch mit Lebensmitteln. Im Hintergrund sind mehrere Menschen zu sehen, die Papier in eine Feuerschale werfen.Nach taiwanischem Volksglauben existiert neben der Welt der Lebenden eine Parallelwelt der Ahnen und Geister, die während des Geistermonats durch Opfergaben versorgt wird.

Im Schatten eines Hauses stehen ein gedeckter Tisch und ein Hocker. Auf dem Tisch stehen Lebensmittel und eine kleine Fahne, auf dem Hocher eine Waschschüssel.Das Fähnchen macht deutlich, wer sich hier verköstigen darf; auch das Waschbecken fehlt nicht. Wer die Hintergründe der Rituale nicht kennt, würde an diesem kleinen Opfertisch wohl achtlos vorbeigehen.

Mit den Worten von Ed Lin, einem taiwanesischen Schriftsteller, der unter anderem das Buch Ghost Month verfasst hat: «Taiwaner sind die abergläubischsten Menschen in der industrialisierten Welt.» Für die Bewohner Taiwans sowie Abermillionen anderer Ostasiaten geht es jedoch um weit mehr als Aberglauben – es gilt, eine antike Tradition zu kultivieren: die Pflege der Verstorbenen, eine geistige Beziehung, die den Tod überdauert.

Apropos

  • Taiwan wird auch Formosa genannt
  • Datum Geistermonat Zhongyuan Jie 2026: 27. August bis 24. September (siebter Monat des Mondkalenders)
  • Politisch korrekte Bezeichnung: «Monat der wandernden Geister» (taoistisches Wort: Zhongyuan / buddhistisches Wort: Yu Lan Pen)
  • Datum Geister-Tag alias «Pudu /universelle Erlösung»: 11. September 2024 (15. Tag des Monats im Mondkalender). Die Termine für die Pudu-Rituale werden von jedem Clan individuell bestimmt, aber aufgrund Zeitmangels je länger, je mehr in Firmen- oder Tempel-Bankette zusammengefasst.
  • «Die guten Brüder bzw. The Good Brothers»: Politisch korrekte Bezeichnung für die Geister
  • Joss-Papier bzw. Geistergeld oder Räuchergeld: Spirituelle Währung wie falsche Banknoten oder geprägtes bzw. bedrucktes Bambus- oder Reispapier
  • Zhǐzhā: 3D-Papiergeschenke (Papierkunst), welche für die Geister verbrannt werden
  • Yin und Yang: Diesseits und Jenseits bzw. taoistische Philosophie dualer Kräfte, die sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen.

Claudio Sieber

Claudio Sieber

Der Ostschweizer Claudio Sieber ist ein freiberuflicher Multimedia-Journalist mit Schwerpunkt auf Kultur- und Gesellschaftsthemen in Asien. Wenn er nicht auf Entdeckungstour ist, lebt er auf dem Eiland Siargao in den Philippinen. Mittlerweile sind 10 Bundesfeiertage vergangen, seit der 43-Jährige seine Heimat und Berufskarriere gegen eine andauernde Odyssee durch den märchenfremden Fernen Osten eingetauscht hat. Sein Ausbruch entpuppte sich als triumphaler Sieg gegen Routine, Bequemlichkeit und Spießertum.


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