Stützender Pfeiler im Paradies: Ökonomisch nachhaltig handeln bei der Auswanderung

Der Traum von Auswandern lockt viele: Den Laptop zuklappen, die Koffer packen und dort neu anfangen, wo die Sonne öfter scheint, das Meer blauer ist – und das Leben tendenziell günstiger. Auch bei der Auswanderung den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, wird für immer mehr Menschen wichtiger – sei es über Klimaausgleichs-Programme der Airlines oder dem bewussten Vermeiden von Plastikmüll in der neuen Heimat.
Doch Nachhaltigkeit bedeutet mehr als nur der Blick auf die Natur. Neben dieser ökologischen Dimension umfasst sie auch die soziale und die ökonomische – und alle drei beeinflussen einander. Wer als Auswanderer oder Auswanderin ökonomisch nachhaltig handeln will, berücksichtigt den Einfluss, den sein oder ihr Handeln etwa auf lokale Wirtschaftsstrukturen, den eigenen Konsum und damit auch die Preisgestaltung für allerlei Waren hat. Der Einfluss, den man als Einwanderer oder Einwanderin hat, ist größer, als man oft denkt, und beginnt schon bei kleinen, vermeintlich selbstverständlichen Dingen.
Wirtschaftsfaktor Wohnraum
Allein durch die Tatsache, dass man aus einem mitteleuropäischen Land oftmals in den globalen Süden zieht, ändert man schlagartig die eigene Rolle als Konsument. Konnte man sich in Deutschland gerade mal eine Zwei-Zimmer-Wohnung leisten, reicht nun das gleiche Geld für ein stattliches Haus oder ein schickes Apartment in der Innenstadt einer Metropole. Gerade letzteres bietet sich für Auswanderinnen und Auswanderer, aber auch für zugezogene Digital Nomads oder Expats an. Wer in einem fremden Land neue Wurzeln schlagen will, findet in einer Großstadt schnell sozialen Anschluss, findet vielleicht weitere Expats, die einem Tipps für den Start im neuen Land geben – und kann auf einen deutlich größeren Job-Markt zugreifen als in ländlichen Regionen.
Doch diese clevere Strategie bringt für die lokale Bevölkerung einige Probleme mit sich: Aufgrund der höheren Kaufkraft treiben Ausländerinnen und Ausländer die Wohnpreise in die Höhe. Vermieterinnen und Vermieter können in Gegenden mit einem hohen Einwandereranteil die Mietpreise anheben, da es ja immer eingewanderte Menschen geben wird, die den Preis zahlen können. Andere Immobilenbesitzerinnen und -besitzer gehen sogar noch einen Schritt weiter und bieten ihren Wohnraum gar nicht mehr als dauerhafte Bleibe an, sondern funktionieren sie zu schicken Apartments für kurze Aufenthalte um, um sie etwa auf Online-Plattformen anzubieten – zu einem Profit, der den einer üblichen Vermietung deutlich übersteigt. Tritt dieses Phänomen nur vereinzelt auf, ist der Einfluss auf ökonomische Strukturen vor Ort gering. Doch in vielen Ländern hat die Verlockung dieser Methode für eine dermaßen übergreifende Knappheit auf dem Wohnungsmarkt gesorgt, dass Regierungen dagegen einschreiten mussten. Aus diesem Grund hat etwa die spanische Regierung eine Strafzahlung von 64 Millionen Euro gegen Airbnb verhängt. „Es gibt Tausende Familien, die wegen der Wohnsituation am Existenzminimum leben, während einige wenige mit Geschäftsmodellen reich werden, die Menschen aus ihren Wohnungen vertreiben“, resümierte der spanische Verbraucherschutzminister Pablo Bustinduy die Entscheidung.
Oftmals werden mit teuren Ferienwohnungen nicht nur lokal verwurzelten Familien Chancen für bezahlbaren Wohnraum genommen – es unterwandert auch die lokale Hotelindustrie und bedroht damit Arbeitsplätze. Mitunter schreitet die Politik auch aus diesem Grund in den Markt ein. Mehrere Länder in Südostasien werden mittlerweile gesetzgeberisch gegen eine Vermietung von Ferienwohnungen aktiv, die zum einen immer mehr einem Massenmarkt gleicht, dabei aber die Regularien nicht einhält, die Hotels befolgen müssen – dieser unlautere Wettbewerb unterwandere die Tourismusindustrie, so der Vorwurf.
Wie viele andere Weltstädte erlebte auch Mexico City (etwa hier im Viertel Colonia Roma) gerade durch die Coronapandemie einen erheblichen Zuzug von Digital Nomads und Expats. © Leckerstudio, AdobeStock
Viele Einwanderer und Einwanderinnen haben aufgrund ihrer vor Ort hohen Kaufkraft die Möglichkeit, eine Haushaltshilfe anzustellen – vielleicht etwas, das ihnen in der alten Heimat aufgrund der hohen Vergütung gar nicht in den Sinn gekommen wäre. Aus Sicht wirtschaftlicher Nachhaltigkeit ist die Anstellung zum Beispiel einer „Maid“ ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite unterstützt man damit die lokale Bevölkerung, denn man bietet mit einem solchen Job auch ein regelmäßiges Einkommen an. Auf der anderen Seite reproduziert man ein Machtgefälle zwischen ortsfremdem Herr beziehungsweise ortsfremder Herrin und lokal verwurzeltem „Diener“ beziehungsweise verwurzelter „Dienerin“, das aus Zeiten der Kolonialisierung stammt und das viele längst verworfen glauben wollen. Ganz wie beim Wohnungsmarkt wird eine vorteilhafte Lage für den Einzelnen dann zum Problem, wenn sie flächendeckend Schule macht und zum strukturellen Problem für die ganze lokale Gemeinschaft wird.
Der Gegenentwurf ist so simpel wie wirkungsvoll: Die Haushaltshilfe ist kein Statussymbol, sondern eine Dienstleisterin oder Dienstleister, dem oder der man auf Augenhöhe begegnen muss. Konkrete Maßnahmen beginnen bei fairer Bezahlung, die sich nicht am gesetzlichen Minimum, sondern an einem existenzsichernden Einkommen orientiert. Ebenso wichtig sind geregelte Arbeitszeiten mit langfristiger Planungssicherheit, bezahlter Urlaub und Beiträge zur sozialen Absicherung. Das wandelt das Abhängigkeitsverhältnis in eine stabile Einkommensperspektive um.
Einwanderung als Gentrifizierungsmotor
Der starke Einfluss des Auswanderns auf die lokale Wirtschaft beschränkt sich aber nicht nur auf Wohnraum, sondern kann mitunter sogar ein ganzes Stadtbild verändern. Mithilfe der hohen Kaufkraft ist auch ein anderes Konsumverhalten möglich. Mit einem mitteleuropäischen Einkommen kann man sich tagtäglich so manches Essen, manche Tasche oder manche elektronische Spielerei leisten, die es zu Hause vielleicht als Geschenk zu einem besonderen Anlass gegeben hätte. In Hochburgen für Auswandernde ist die Kaufkraft der Bevölkerung schnell so hoch, dass dies die Preise für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs in die Höhe treibt. Wer als Ladenbesitzerin oder Ladenbesitzer nicht mitzieht, wird mitunter durch eine profitablere Kette aus seinem Einzugsgebiet verdrängt. Mit der Zeit richtet sich der freie Markt immer mehr nach einer nun neuen Käuferschicht – der Schicht der zahlungskräftigen, gut verdienenden Einwanderer und Einwanderinnen. Auf der Strecke bleiben die, die schon länger vor Ort wohnen, deren Einkommen gleich geblieben ist und die nun immer weniger Läden zur Auswahl haben, bei denen sie zu gewohnten Preisen einkaufen können. In dieser Hinsicht verschärft Einwanderung ein Phänomen, das bereits seit Jahrzehnten erforscht wird und auf der ganzen Welt lokale Strukturen verändert hat: die Gentrifizierung.
Gentrifizierung bezeichnet einen Prozess der städtischen, mittlerweile auch ländlichen Aufwertung, bei dem sich die soziale und ökonomische Zusammensetzung eines Viertels oder einer Region grundlegend verändert: Einkommensstärkere Bevölkerungsgruppen ziehen in zuvor vergleichsweise günstige Gegenden, investieren dort Kapital – ob durch Eröffnung von Geschäften, Erwerb von Eigentum oder einfach durch größeren Konsum. Damit erhöhen sie die Attraktivität des Wohn- und Lebensraums. In der Folge steigen Mieten, Immobilienpreise und Lebenshaltungskosten, während sich das lokale Angebot an Geschäften, Dienstleistungen und Freizeitmöglichkeiten an das neue, zahlungskräftigere Klientel anpasst. Gleiches gilt für vielerlei andere Angebote, die für das tägliche Leben und Arbeiten vieler Menschen notwendig sind: Parkplätze, Job-Möglichkeiten, Apotheken. Für diejenigen, die seit jeher vor Ort wohnen und nach wie vor die gleiche, geringe Kaufkraft aufweisen, bedeutet diese „Aufwertung“ langfristig eine Verdrängung. Sie können sich das Leben in ihrem eigenen Viertel nicht mehr leisten und sind gezwungen, wegzuziehen.
Die kaufkräftigen Expats und Digital Nomads in Medellín, Kolumbien, treiben die Mietpreise nach oben und drängen so die Locals in die umliegenden Gebiete. © Markus Mainka, AdobeStock
Gentrifizierung ist kein neues Phänomen – bereits in den 1960er Jahren fand es Eingang in die Soziologie. Sie ist auch kein auf klassische Auswanderer-Destinationen beschränktes Phänomen. Sie prägt seit Jahrzehnten Großstädte auf der ganzen Welt – von Berlin über London und New York bis hin zu Kapstadt, Mexiko-Stadt oder Lissabon. Doch der Motor der Gentrifizierung – die Ungleichheit zwischen ärmerer und reicherer Bevölkerung – entfaltet durch internationale Einkommensgefälle eine noch viel stärkere Wirkmacht. Der erste, wichtige Schritt, um ökonomisch nachhaltig zu handeln, ist, sich der eigenen Rolle in dieser Entwicklung überhaupt bewusst zu werden.
Denn ökonomische Nachhaltigkeit beginnt nicht erst bei großen politischen Entscheidungen, sondern im Alltag. Wer sich der eigenen Rolle als potenzieller Verstärker gentrifizierender Prozesse bewusst ist, kann auch bewusst gegensteuern. Wer regelmäßig bei lokalen Händlerinnen und Händlern einkauft, lokale Gastronomie nutzt und Dienstleistungen in Anspruch nimmt, die auch für die einheimische Bevölkerung zugänglich sind, stärkt bestehende Wirtschaftskreisläufe statt parallele Expat-Ökonomien. Nachhaltigkeit bedeutet hier nicht Verzicht, sondern Aufmerksamkeit: Wo fließt mein Geld hin, und wer profitiert langfristig davon?
Der Job als Nachhaltigkeitshebel
Wirtschaft ganzheitlich als Kreislauf zu sehen, ist ebenfalls Teil ökonomischer Nachhaltigkeit. Wer in einer neuen Wahlheimat knappe Ressourcen durch Konsum verbraucht, leistet einen wichtigen Beitrag zu wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, wenn er oder sie dazu Geld benutzt, das in ebendiesem Kreislauf generiert wurde. Digitale Nomadinnen und Nomaden haben das Privileg, sich Berufe auszusuchen, in denen sie von sogenannter Geoarbitrage profitieren können.
Geoarbitrage bezeichnet die Nutzung unterschiedlicher Lohn- und Lebensverhältnisse: Man arbeitet in demjenigen System, das einem ein hohes Einkommen verspricht, etwa im globalen Norden – und man lebt und konsumiert in einem System, in dem alles vergleichsweise günstig zu haben ist, etwa im globalen Süden.
Die immer weiter voranschreitende Digitalisierung und das Wachstum an Möglichkeiten, mobil zu arbeiten, ermöglichen Geoarbitrage für mehr Menschen als jemals zuvor. Für die oder den Einzelnen bedeutet diese Methode finanzielle Freiheit und einen höheren Lebensstandard. Doch für die Volkswirtschaft des ärmeren Ziellandes ist es oftmals nicht mehr als eine neue Form von Ausbeutung – und eine Reproduktion globaler Ungleichheit.
Eine lokale Alternative ist es, für einen Arbeitgeber vor Ort tätig zu werden. Natürlich kann man in diesem Falle zur Konkurrenz für diejenigen „Locals“, die den gleichen Job gerne selbst bekommen hätten, werden. Doch im Ganzen betrachtet stellt man für die Gesellschaft eine Bereicherung dar, da die Wertschöpfung so in der Wahlheimat geschieht – und auch sämtliche Abgaben für das Sozial- und Alterssicherungssystem dort verbleiben. Das stärkt nachhaltig die Wirtschaft des Landes.
Für sich selbst vorsorgen
Wer große Schritte für die Nachhaltigkeit tun will, darf dabei aber nicht nur an die anderen, an die Gesellschaft im Allgemeinen denken. Er oder sie muss auch einen nachhaltigen finanziellen Weg für sich finden – der nicht nur die nächsten Jahre sichert, sondern auch dann greift, wenn man krank wird, altert und nicht mehr so einfach Einkommen generieren kann wie früher. Altersarmut ist für das betroffene Individuum eine sehr schwierige Situation – und auch die sozialstaatlichen Strukturen werden belastet – eine Lose-Lose-Situation in Bezug auf finanzielle Nachhaltigkeit.
Wer auswandert, sollte sich schon früh Gedanken um die Altersvorsorge machen. Wer etwa das deutsche System der Renten- und Sozialkassen verlässt, hat bei einer Rückkehr im hohen Alter weitaus weniger Ansprüche als diejenigen, die jahrzehntelang weiter ihre Beiträge gezahlt haben. Und die Sozialsysteme in den Ländern, die für Auswanderungen besonders beliebt sind, verfügen selten über solch starke soziale Auffangnetze wie mitteleuropäische Länder. Eine Lösung kann sein, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auswandern ist ein sehr mutiger Schritt, der viel Eigenverantwortung voraussetzt. Diese sollte auch genutzt werden, um sich ein ganz privates Sicherungspolster zu schaffen. Anlageprodukte (mit unterschiedlichen Risikograden) können der finanzielle Sicherheitsbaustein sein.
Ökonomisch nachhaltig arbeiten bedeutet, den Wirtschaftskreislauf, in dem man lebt, zu stärken – etwa, indem man für einen lokalen Arbeitgeber tätig wird. © bullrun, AdobeStock
Private Auslandskrankenversicherungen dagegen können bei Unfall und Krankheit überall auf der Welt der notwendige Lebensretter sein. Vor allem, wenn man sich für einen Anbieter wie den BDAE entscheidet, der – anders als andere Anbieter – auch im hohen Alter und mit Vorerkrankungen einen umfangreichen Versicherungsschutz bietet. Und wer die Gewissheit einer soliden Rente haben möchte, kann – auch nach der Auswanderung – freiwillig etwa in die deutsche Rentenkasse einzahlen, um später einen Anspruch auf eine solide Rente zu erhalten. Zumal man nie wissen kann, ob eine Auswanderung auch wirklich auf Lebenszeit hält.
Wer ökonomische Nachhaltigkeit als Begriff weit fasst, ist auf der sicheren Seite. Dann meint Nachhaltigkeit für den Einzelnen, die eigene Altersarmut zu verhindern und ihr schon früh in Eigenverantwortung entgegenzuwirken. Und damit wiederum verhindert man, im Alter derjenigen Gesellschaft unnötig zur Last zu fallen, die man mit der Auswanderung doch kennen und lieben gelernt hat.
Den ganz persönlichen Einfluss anerkennen
Wer nachvollziehen will, wie nachhaltig er oder sie als Auswanderer, als Gast oder neues Mitglied einer Gemeinschaft oder als Reisender lebt, findet sicher keine allgemeingültige Messmethode. Doch verschiedene Indizes und Rechner vermitteln zumindest eine Idee, wie nachhaltig das eigene Leben wirklich ist – und geben neue Ideen, auf was man zukünftig achten kann, um nachhaltig zu leben. Eine Messgröße wäre der ökologische Fußabdruck, der sich mit mehreren Online-Rechnern für das Fliegen, das Autofahren oder das Wohnen messen lässt.
Wer nicht schon ein ganz bestimmtes Ziel auf der Welt vor Augen hat, kann natürlich danach schauen, welche Länder, Regionen und Städte nachhaltig handeln. Denn wo man lebt, gibt zum großen Teil vor, wie nachhaltig man als Einzelperson leben kann. Der Happy Planet Index misst das Wohlbefinden der Bevölkerung und fragt dabei nicht nur Glücksempfinden beziehungsweise Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger der einzelnen Länder ab, sondern setzt sie auch in Bezug zu Nachhaltigkeitsindikatoren. Der Anspruch der Autorinnen und Autoren dabei: Komfortables Leben, solide wirtschaftliche Chancen für alle und ein geringer CO2-Abdruck müssen einander nicht ausschließen, sondern können gemeinsam erreicht werden.
Wer als (vergleichsweise) wohlhabender Einwohner des globalen Nordens in den globalen Süden auswandern will, läuft tendenziell Gefahr – unbewusst oder bewusst – in der neuen Wahlheimat die Schere zwischen arm und reich zu verstärken. Der Gini-Koeffizient verrät, wo diese Schere bereits jetzt sehr weit geöffnet ist. Ein Blick auf ein Länder-Ranking auf Basis des Gini-Koeffizienten zeigt demnach, welche Destination man daher meiden sollte – aber auch, bei welchen Ländern Arm und Reich nicht ganz so weit entfernte Welten sind.
Welche Konsequenz man als Mensch mit Fernweh, der eine neue Heimat sucht, daraus zieht, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Für den einen bedeutet das vielleicht, Länder mit einer großen Ungleichheit zu meiden, um nicht selbst zum „Teil des Problems“ zu werden. Andere wiederum werden vielleicht bewusst in diese Länder gehen wollen, um – zumindest lokal und im Kleinen – die wirtschaftliche Ungleichheit zu mildern. Ein jeder von uns sitzt an einem bedeutenden wirtschaftlichen Hebel, dessen sich viele nicht bewusst sind: Wie wir unser Geld in unserer Wahlheimat verdienen, beeinflusst, wie wir zum Wirtschaftskreislauf vor Ort beitragen – und ob unser Einfluss auch ein ökonomisch-nachhaltiger Einfluss ist.
Indem man lokale Läden den großen Supermarktketten vorzieht, kann man mit nur wenig Aufwand dabei helfen, die lokale Wirtschaft zu erhalten. © Willy, AdobeStock
Fallbeispiel Kanada
Kanada wird im internationalen Vergleich oft als ein besonders nachhaltiges Auswanderungsziel wahrgenommen, vor allem aus ökonomischer Sicht. Das liegt unter anderem an dem gut ausgebauten Sozialstaat und klaren Regeln für Zuwanderung, Arbeit und Besteuerung. Wer in Kanada lebt und arbeitet, zahlt Steuern und Sozialabgaben und ist in das öffentliche Gesundheits- und Rentensystem eingebunden. Damit wird man automatisch Teil eines gemeinsamen Wirtschaftskreislaufs und trägt zur Finanzierung jener Strukturen bei, die man selbst nutzt. Ökonomische Nachhaltigkeit ist hier weniger eine Frage individueller Moral, sondern stark durch die bestehenden Rahmenbedingungen vorgegeben.
Gleichzeitig weist Kanada im Vergleich zu vielen anderen Auswanderungszielen ein relativ geringes soziales Gefälle auf. Einkommensunterschiede existieren, sind aber weniger extrem ausgeprägt als in vielen Ländern des globalen Südens. Dadurch wirkt die Kaufkraft von Auswanderern weniger stark verzerrend auf lokale Märkte, etwa bei Mieten oder Lebenshaltungskosten. Zudem verfolgt Kanada eine Einwanderungspolitik, die auf langfristige Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft abzielt. Kurzfristige Modelle, bei denen Menschen von der Infrastruktur profitieren, ohne sich finanziell zu beteiligen, sind weniger verbreitet. Das macht Kanada zu einem Beispiel dafür, wie Auswanderung ökonomisch tragfähig gestaltet werden kann – für Zuwandernde ebenso wie für die Aufnahmegesellschaft.
Schont Welt und Geldbeutel: ökonomisch nachhaltiges Arbeiten
Wer erkennt, dass Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft miteinander verwoben sind, wird merken, dass sie oder er mit einer wohlüberlegten Entscheidung für den „richtigen“ Job einen großen Schritt für die Nachhaltigkeit gehen kann. Denn für wen ich arbeite und was ich tue, hat große Auswirkungen auf meinen ökologischen Fußabdruck, darauf, welcher Gemeinschaft ich meine Steuergelder und meine Konsumausgaben gebe und welche sozialen Strukturen ich festige oder unterminiere.
Unsere Arbeit bestimmt unser regelmäßiges Einkommen und damit den mitunter größten Hebel in Bezug auf ökonomische Nachhaltigkeit, den wir besitzen. Gleichzeitig ist es für Auswandernde eine besondere Herausforderung, eine neue Tätigkeit zu finden, die erfüllend ist und Spaß macht, und gleichzeitig das Leben in der neuen Heimat auf eine komfortable Weise ermöglicht. Zum Glück gibt es viele Möglichkeiten, bei der Jobwahl auch Nachhaltigkeit „mitzudenken“.
Spart den Arbeitsweg: Remote Work
Wie bereits angesprochen, eröffnen Remote Work- und Homeoffice-Modelle ganz neue Karrierewege auch über Ländergrenzen hinweg. Sofern man dabei keine internationalen Einkommensgefälle systematisch ausnutzt (siehe oben), ermöglicht das digitale Arbeiten aus der Ferne eine wirkungsvolle Chance, nachhaltig zu arbeiten. Schließlich entfallen lange Autofahrten und Flugreisen.
Wer sich die Geschichte der Remote Work anschaut, wird sogar feststellen, dass der Nachhaltigkeitsgedanke von Anfang an Teil der Debatte war. So gab es bereits in den 1970er Jahren erste Feldversuche, mithilfe von Computern den Büroarbeitsplatz ganz unabhängig vom Firmensitz des Arbeitgebers einrichten zu wollen.
Wie viele Geschäftsreisen sind wirklich notwendig? Persönliche Treffen auch über Ländergrenzen hinweg genießen in der Arbeitswelt nach wie vor einen hohen Stellenwert, viele Managerinnen und Manager sind überzeugt davon, dass physische Treffen eine ganz andere Wirkmacht entfalten als das virtuelle Treffen am Bildschirm. Und auch die psychologische Forschung unterstreicht das. Trotzdem – der ökonomische Fußabdruck ist gerade bei Flugreisen immens hoch. Wer nachhaltig denkt, setzt bei der Job-Wahl eher auf einen Arbeitgeber, der zeigt, dass so mancher „Anstandsbesuch“ auch virtuell erfolgen kann.
Remote Work ermöglicht das Arbeiten von überall. Aber ist es fair, lokale Ressourcen zu nutzen, um Wertschöpfung im Heimatland zu ermöglichen? © fizkes, AdobeStock
Jobwahl als Nachhaltigkeits-Hebel
Wer den Luxus hat, in verschiedenen Branchen Job-Chancen nachgehen zu können, kann sich bewusst für einen Beruf entscheiden, der Ressourcen schont. Das ist nicht immer möglich, schließlich gibt es manche Branchen und Tätigkeiten, die für die Gesellschaft essenziell sind, aber nun einmal ressourcenhungrig bleiben müssen. So verbrauchen der Bau von Wohnraum und Verkehrsinfrastruktur immense Ressourcen, was zum großen Teil technisch unvermeidbar ist – und daher ein leider unvermeidbares Übel. Denn auch eine nachhaltige Gesellschaft braucht Wohnraum.
Doch oft hat man im Berufsleben, auch innerhalb einer „ressourcenhungrigen“ Branche, die Wahl, sich für ein Unternehmen zu entscheiden, das sich der Nachhaltigkeit als Ziel verschrieben hat. Und das erkennt, dass natürliche Rohstoffe an und für sich erhaltenswert sind – und nicht nur einen gewissen Geldwert haben, der eins zu eins durch den Geldwert eines menschengemachten Produktes aufgewogen werden könnte.
Bei der Wahl des Arbeitgebers (oder gar der Branche) können Nachhaltigkeitsbewusste auch darauf achten, dass das Unternehmen nicht dafür bekannt ist, strukturelle ökonomische Abhängigkeiten zu fördern. Ein Unternehmen etwa, das auf Lohndumping setzt, oder zwar Arbeitsplätze für Locals verspricht, aber dabei natürliche Ressourcen wie Stauseen unter ein Monopol stellt, handelt ökonomisch nicht nachhaltig. Gerade hinter vielen, weltweit beliebten und bekannten Lebensmittelmarken, steht oft eine Konzernstruktur, die man als nachhaltigkeitsbewusster Konsument wie auch Arbeitskraft eher meiden könnte.
Als Chef die Welt bewegen
Wer im Ausland nicht nur als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer tätig wird, sondern selbst ein Unternehmen gründet, verfügt über ein ungleich größeres Potenzial, nachhaltig zu handeln und einen positiven Beitrag für die Gesellschaft vor Ort zu leisten. Als Chefin oder Chef entscheidet man, wer im Unternehmen arbeitet, wie viel diese Menschen verdienen und über den Umgang des Unternehmens mit der unmittelbaren Umwelt. Wer im Ausland gründet, trägt also eine besondere Verantwortung dafür, dass der Erfolg nicht auf Kosten der Einheimischen geht.
Ökonomisch nachhaltig zu gründen bedeutet, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fair und auf Augenhöhe zu begegnen. © XXX, AdobeStock
Wertvolle Tipps für den Start
Wer ein Unternehmen gründet, der oder die dürfte bereits genug um die Ohren haben – verschiedenste Formalia, Steuerfragen, logistische Problemstellungen – die durch den Aufenthalt in einem (noch) fremden Land mit ganz eigenen Regeln noch verschärft werden. Zum Glück gibt es für nachhaltige Gründerinnen und Gründer diverse Anlaufpunkte, um sich weiterzubilden: Wer einen erprobten, akademischen Einstieg in das Thema Nachhaltigkeit haben möchte, findet mit diesem Buch einen akademischen Einblick in die Unternehmensführung, die Umweltschutz und Wirtschaft verbindet.
Deutlich praxisbezogener sind Beiträge wie dieser zu „Green Economy“ auf der Gründerplattform der KfW-Bank. Die KfW bietet darüber hinaus eine eigene Videoserie für „Grüne Gründung“ an. Das ist besonders hilfreich für die, die ein Unternehmen aufbauen wollen, das von Anfang an ein ökologisches Ziel verfolgt. Hier wird Schritt für Schritt erklärt, worauf es ankommt.
Nachhaltigkeit als Unternehmer*in messen
Für jede Unternehmerin und jeden Unternehmer sind die zentralen Indikatoren für Erfolg Einnahmen und Ausgaben. Doch das sind bei weitem nicht die einzigen Messgrößen für Erfolg. So können auch Nachhaltigkeitsbemühungen beziffert und abgebildet werden. Dafür gibt es weltweit anerkannte Indizes – einige, die nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Einzelpersonen von Interesse sind, fanden schon an früherer Stelle Erwähnung. Interessanter für Unternehmen und alle, die den Blick auf die Gesamtwirtschaft richten wollen statt auf die Perspektive des Einzelnen, sind die folgenden:
Der Human Development Index misst, wie gut es den Menschen in einem Land geht – und erfasst dabei unterschiedliche Kennzahlen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Einkommen. Große mediale Aufmerksamkeit haben die Sustainable-Development-Goals der Vereinten Nationen. Große mediale Aufmerksamkeit haben die Sustainable-Development-Goals der Vereinten Nationen: Die Mehrzahl aller Statten hat sich 17 Zielen für eine nachhaltigere Welt verschrieben: Diese Ziele reichen von bezahlbarer und sauberer Energie über menschenwürdige Arbeit bis hin zu hochwertiger Bildung – sie berücksichtigen also, dass Nachhaltigkeit vielschichtig ist und ökologische, ökonomische wie auch soziale Dimensionen aufweist.
In welch enger Wechselwirkung diese Dimensionen stehen, zeigen wiederum die umweltökonomischen Gesamtrechnungen, die das Statistische Bundesamt veröffentlicht, die aber in anderer Form auch in anderen Ländern publiziert werden. Die Rechnungen bieten einen umfassenden Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Wirtschaft. Sie basieren auf dem international verbreiteten System of Environmental-Economic Accounting und verwenden daher einheitliche Konzepte, Definitionen und Klassifikationen. Zweck dieser Rechnungen ist es, volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen um den Nachhaltigkeitsblick zu erweitern.

Für den einzelnen Unternehmer und die einzelne Unternehmerin haben diese Indizes, die ja erst einmal ganz abstrakt die Gesamtwirtschaft abbilden, nur begrenzte Aussagekraft. Doch bei genauerem Hinsehen bieten sie auch dem kleinsten Business klare Hinweise darauf, wie man ganz unmittelbar und im eigenen Tagesgeschäft einen wichtigen Beitrag für nachhaltiges Wirtschaften leisten kann. Zum Beispiel könnten Unternehmerinnen und Unternehmer für die Fertigung von Produkten, die Gestaltung ihrer Website oder die Buchhaltung auf lokale Dienstleister setzen. Spezialistinnen und Spezialisten aus dem eigenen Hause könnten auch für lokale Bildungseinrichtungen oder NGOs Workshops anbieten, um Business-Wissen an die lokale Gemeinschaft weiterzugeben (und ganz nebenbei mehr Markenbekanntheit sichern).
Gerade in Ländern, in denen die Gesetze vielleicht nicht so streng sind wie in Deutschland, zeigt sich, wer wirklich nachhaltig denkt. Den zusätzlichen Schritt zu gehen, um als Unternehmerin oder Unternehmer nachhaltig zu handeln, ist mehr als ein moralischer Luxus-Gedanke. Wer respektiert wird, bleibt länger erfolgreich. Wer nur ausbeutet, wird im Ausland auf Dauer keine Freunde finden.
Ein nachhaltiges Leben im Ausland beginnt nicht erst bei großen politischen Entscheidungen, sondern im Alltag – bei der Frage, woher das eigene Einkommen stammt, wofür man es ausgibt und welche Strukturen man damit stärkt oder schwächt. Auswandern kann bereichern, für den Einzelnen wie für die Aufnahmegesellschaft. Das gelingt dann besonders gut, wenn man die Auswanderung und das neue Leben bewusst, informiert und proaktiv gestaltet. Wer seine neue Freiheit mit ökonomischer Verantwortung verbindet, erkennt den eigenen Einfluss als Konsument, Arbeitnehmer oder Unternehmerin – und nutzt ihn so, dass aus dem persönlichen Traum vom Leben im Paradies kein Risiko für andere wird, sondern ein stabiler Pfeiler für eine nachhaltige gemeinsame Zukunft.




