Von Artenvielfalt bis Zero Waste: Wie Umweltfaktoren das Leben und Arbeiten im Ausland beeinflussen können

Fernab von eher vordergründigen Lifestyle-Vorlieben wie einem bestimmten Klima, einer besonderen regional geprägten Esskultur oder der Möglichkeit, sich beispielsweise oft in der Natur oder eher in kulturell vielschichtigen Regionen aufhalten zu können – Aspekte, die auch bei klassischen Urlaubsreisen relevant sind –, können bestimmte ökologische, soziale und ökonomische Aspekte bei der Wahl einer Destination für einen längeren Zeitraum oder eine komplette Auswanderung besonders schwer wiegen.
»Bei einer Entscheidung für ›sehr lange‹ oder ›für immer‹ kann die umweltbedingte Situation im Wunschland ausschlaggebend sein.«
Ob es den einen Ort gibt, der allen Ansprüchen und Wünschen Rechnung trägt? Vermutlich nicht. Sich der Facetten und Faktoren bewusst zu machen, die ein Land, eine Region und die Menschen, die dort bereits leben, mitbringen, kann aber dennoch sehr hilfreich sein. Geht es schließlich darum, eine nachhaltige Entscheidung zu treffen und Verantwortung für das eigene Leben im Ausland sowie die Auswirkungen, die dieser Entschluss auf andere hat, zu übernehmen, dann können umweltbedingte Faktoren des Wahllandes eine sehr große Rolle spielen.
Der Erhalt des brasilianischen Regenwalds ist für die Begrenzung der Erderwärmung entscheidend © Maarten Zeehandelaar, AdobeStock
Wie Auswandernde auf die ökologische Situation vor Ort einwirken können
Dort, wo Menschen mit Menschen, mit Tieren und mit Pflanzen zusammenleben – und völlig unabhängig davon, ob eher ländlich, im Wald, in den Bergen, am Meer oder See – hat das einen Einfluss auf den jeweiligen Gegenpart.
Geht es darum, relevante ökologische Faktoren für ein nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Leben zu identifizieren, ist die Liste lang – zur Orientierung können unter anderem die folgenden Punkte dienen:
- Der Schutz und die Förderung einer Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten
- Der Schutz der Natur sowie von Ökosystemen, in denen Lebewesen aller Art zusammenleben
- Das Leben im und unter Wasser – in Flüssen, Seen und Meeren
- Der Schutz des Klimas, die Reduktion des CO2-Ausstoßes sowie weiterer Faktoren, um die globale Erwärmung möglichst einzudämmen
- Die Nutzung und Schaffung von Energie(n) – allen voran die Förderung erneuerbarer Energien und die Sicherstellung einer angemessenen Energieversorgung
- Der Umgang mit sowie die Vermeidung von Müll und Abfall – Stichwort „Zero Waste“ – sowie das Thema Kreislaufwirtschaft
Dass Auswandernde oder langfristig Reisende, Expats und Weltenbummler im Alltag respektvoll mit den Gegebenheiten umgehen sollten, sollte klar sein – und auch oder insbesondere dann, wenn ein Land sich hier nicht besonders positiv hervorhebt: Die Vermeidung von Müll sowie eine angemessene Beseitigung, der verantwortungsbewusste Umgang mit Wasserressourcen und Nahrung, das Haushalten mit Energie und Strom oder auch die Vermeidung von Eingriffen in die Tier- und Pflanzenwelt sind klassische Umweltthemen, auf die zumeist jede und jeder direkt und kurzfristig Einfluss nehmen kann.
Windpark auf der Halbinsel Pakri, Estland © Mati Kose, AdobeStock
Darüber hinaus können regionale Projekte und Initiativen eine gute Möglichkeit sein, relevanten Einfluss auf die Verbesserung von ökologischen Bedingungen in der Wahlheimat zu nehmen.
Welche Rolle der Staat für die Umweltbedingungen des Wahllandes spielt
Menschen, die sich für einen längeren Auslandsaufenthalt entscheiden, sollten sich auch übergeordnet mit der Umweltsituation ihres Wahllandes beschäftigen: Wie steht es um die ökologischen Bemühungen seitens Politik und Regierung – welche Ziele sind hier gesetzt und mittels welcher Maßnahmen sollen diese erreicht werden? Konkret kann das zum Beispiel bedeuten: Wie ist der Status Quo mit Blick auf den Klimaschutz? Welche Rolle spielen erneuerbare Energien und wie werden diese beispielsweise wirtschaftlich begleitet? Wie wird mit dem Thema Artenschutz und -vielfalt umgegangen? Oder aber: Wie steht es um die Themen Müllvermeidung, -trennung und -beseitigung?
Der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change beziehungsweise Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen), der auch als „Weltklimarat“ bezeichnet wird, kann für die Einordnung von Klima-Themen sehr hilfreich sein: So geht die Institution der Vereinten Nationen der Aufgabe nach, den wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Klimawandel und Klimaschutz zu bewerten. Im März 2023 hat der IPCC auf einer Pressekonferenz in der Schweiz seinen sechsten und derzeit aktuellen Synthesereport vorgestellt.
Die jährlich stattfindende Weltklimakonferenz, die im Herbst 2025 in Brasilien stattgefunden hat, kann für die Einordnung von Umweltthemen des jeweiligen Wahllandes ebenso Orientierung bieten. An der Weltklimakonferenz 2025 (COP30) im brasilianischen Belém nahmen knapp 200 Staaten teil und haben sich dort vor allem über die Eindämmung der Erderwärmung sowie Abfederung ihrer Folgen ausgetauscht.
Brasilien ist für den globalen Klimaschutz ausschlaggebend
Brasilien nimmt beim Thema Klimaschutz eine bedeutende Schüsselrolle ein: So gehören neben einer enormen Artenvielfalt und einem großen Vorkommen an natürlichen Ressourcen rund 60 Prozent des Regenwaldes im Amazonas zu brasilianischem Territorium. Der Erhalt des Regenwaldes ist laut BMZ entscheidend für die Begrenzung der globalen Erwärmung sowie von Extremwetterereignissen weltweit. Mit Blick auf erneuerbare Energien, die für die Stromversorgung genutzt werden, ist Brasilien unter den G20-Ländern und der Europäischen Union der Spitzenreiter.
Der Klimaschutz hat laut der brasilianischen Regierung für das Land oberste Priorität – zum Einhalt der Klimaschutzverpflichtungen und dem Pariser Abkommen hat sich das Gastgeberland der Weltklimakonferenz COP30 klar positioniert. Nichtsdestotrotz steht Brasilien vor großen Herausforderungen: Das Land gehört zu den weltweit größten Treibhausgasemittenten, insbesondere aufgrund der hohen Entwaldungsraten. Darüber hinaus steht der Umgang mit Erdöl und -gas in der Kritik.
Im Zuge der COP30 hat Brasilien als einziges Land zugesagt, ab 2030 keine Waldflächen mehr zu roden und bis dahin alle erforderlichen Maßnahmen umzusetzen, um das Ziel, die Entwaldungsrate bis dahin auf null zu setzen, auch zu erreichen.
Estland gilt aktuell als das umweltfreundlichste Land der Welt
Laut des Environmental Performance Index (EPI), der seit 2006 veröffentlicht wird und vom Fachbereich Environmental Sustainability Index der Yale University initiiert worden ist, liegt Estland bei der jüngsten Betrachtung auf dem 1. Platz. Die hierfür insgesamt 180 analysierten Länder wurden entsprechend der drei Hauptkategorien „Vitalität der Ökosysteme“, „Klimapolitik“ sowie „Umwelt und Gesundheit“ beurteilt.
Laut EPI 2024 hat Estland seine Treibhausgasemissionen im letzten Jahrzehnt um 40 Prozent reduziert. Zurückzuführen ist dieser Effekt insbesondere auf den Verzicht von umweltschädlichem Ölschiefer sowie der alternativen Verwendung sauberer Energiequellen. So spielt beispielsweise die Nutzung von Windenergie mittels großflächig angelegter Windparks an Land und an der Ostsee, aber auch die enorme Nutzung von Wärmepumpen zur Wärmeversorgung eine große Rolle für das Land.
Estland hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 einen CO2-neutralen Energiesektor sowie ein CO2-neutrales Öffentliches Verkehrsnetzwerk in größeren Städten zu erreichen – bis zu diesem Zeitpunkt sollen 100 Prozent des estländischen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Die zunehmende Abhängigkeit des Landes von der Nutzung von Biomasse für die Wärme- und Stromerzeugung wird in der Nachhaltigkeitsdebatte allerdings kritisch betrachtet, da sich diese auf den Waldschutz auswirkt – das aktuell hohe Tempo Estlands hinsichtlich seiner Emissionsreduktion könnte so gedrosselt werden.
Japan versteht Sauberkeit und Ordnung als Teil der Alltagskultur
In Japan wird traditionell sehr viel Wert auf Sauberkeit und Hygiene, Reinheit und Ordnung gelegt – und das spiegelt sich schon von klein auf im Alltag der Bevölkerung wider. Aufräumen, Ordnung halten und Putzen, ebenso wie Müll akribisch entfernen, hat vor allem in Bezug auf Körper und Geist, aber auch mit Blick auf die Umgebung, bereits jahrhundertelang Tradition.
Neben Tradition und Erziehung tragen Konzepte wie das japanische go-meiwaku – dem Gedanken, anderen Menschen nicht zur Last fallen zu wollen, der zur Folge hat, dass eigener Müll nicht von anderen entsorgt wird – oder der Minimalismus ihren Teil zur vorherrschenden Sauberkeit und Ordnung im Land bei.
Straßenansicht von Kyoto im Frühling, Japan © Richie Chan, AdobeStock
Trotzdem steht Japan vor einer großen Herausforderung: dem Plastikmüll. Produkte und Waren werden übermäßig verpackt, Wegwerfartikel stehen an der Tagesordnung und Plastik ganz oben auf der Verpackungsliste. Japan gilt als enormer Plastikmüllproduzent und -nutzer: So verbraucht die japanische Bevölkerung im Schnitt doppelt so viel Plastikmüll wie die Deutschen.
Seitens der japanischen Regierung spielt das Konzept von Reduce, Reuse und Recycle (3R) eine tragende Rolle für die Entwicklung der Abfallwirtschaft im Land. Der Staat hat es sich zum Ziel gesetzt, den Verbrauch von Plastik bis 2030 um 25 Prozent zu senken. Zudem möchte die japanische Regierung das Land bis dahin möglichst von Plastikmüll befreien – und zwar im Fokus durch Innovationen und technologische Lösungen. Vorzeigeprojekte und lokale Vorreiter, wie das Zero-Waste-Dorf Kamikatsu, sind ebenso beachtenswert.
Im Ländervergleich der EPI 2024 ist Japan als das umweltfreundlichste asiatische Land ausgezeichnet worden, im Global Waste Index 2025 hat das Land mit Fokus auf das Thema Abfallwirtschaft ebenso den ersten Platz inne. Der Global Waste Index, der regelmäßig vom Tech-Unternehmen Sensoneo erhoben wird, vergleicht die Abfallwirtschaft pro Kopf in den 38 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) miteinander. Vor allem aufgrund seiner niedrigen Abfall- und Deponierungsraten ist Japan beim Global Waste Index auf dem ersten Platz gelandet. Trotzdem das Land hohe Müll-Verbrennungsraten aufweist, hebt es sich durch eine sehr geringe Deponierung und eine effiziente Abfallbehandlung – Mülltrennung ist in Japan sehr komplex und wird akribisch umgesetzt – ab. Ebenfalls positiv: Japan hat seine Lebensmittelabfälle bis 2022 bereits auf geschätzte 4,72 Millionen Tonnen halbiert – die Reduktion von Lebensmittelabfällen ist sogar gesetzlich verankert.

Über den Fußabdruck, dessen wir uns bewusst sein sollten
Ganz egal, welche Themen bei einer bereits umgesetzten oder geplanten Auswanderung oder aber einer längeren Auslandszeit im persönlichen Fokus stehen: Wer nachhaltig und verantwortungsbewusst woanders leben möchte, hinterlässt einen Fußabdruck. Und ja, die Bandbreite an ökologischen Faktoren ist groß.
Dennoch: Sich mit den Aspekten vor Ort auseinanderzusetzen und individuell zu entscheiden, ob und wie man sich als Expat in der neuen Heimat involvieren möchte, ist ratsam und lohnenswert – nicht nur für das eigene Wohlbefinden und die eigenen Werte, sondern insbesondere für das neue Zuhause, das hoffentlich bald auch zu einer Heimat wird, die einen respektvollen und nachhaltigen Umgang verdient.




