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Warum der Fokus auf das Wesentliche unser Leben verändern kann

21. April 2026
Minuten
Erfolg im Beruf, eine schicke Wohnung mitten in Berlin, ein Leben, das nach außen nach Luxus aussah: Florian Hornig erfüllte lange Zeit all das, was gemeinhin als erstrebenswert gilt. Und doch fehlte etwas Entscheidendes.
Florian Hornig

Im Interview erzählt uns Florian, warum er trotz äußerem Erfolg innerlich leer war – und wie Minimalismus, Loslassen und ein neues „Warum“ sein Leben grundlegend verändert haben.

»Mittlerweile frage ich mich vor allem, ob ich Dinge tue, die mir Freude bereiten.«

„Luxus bedeutet per Definition: mehr zu haben, als man braucht“, sagt Florian rückblickend. Für ihn sei Luxus jedoch nie ein Gefühl von Fülle gewesen, sondern eher ein permanenter Vergleich mit anderen Menschen, die scheinbar immer noch mehr hatten: Mehr Geld, mehr Status, mehr Freiheit. Irgendwann habe er gemerkt, dass er mehr Zeit damit verbrachte, sich um seinen Besitz zu kümmern, als ihn tatsächlich zu genießen.

Auf dem Beifahrersitz im Auto während der Regenzeit in Sansibar.Auf dem Beifahrersitz im Auto während der Regenzeit in Sansibar.Der eigentliche Wendepunkt kam mit einer simplen, aber radikalen Erkenntnis: „Ich habe realisiert, dass ich kaum Zeit hatte, Dinge zu tun, die ich wirklich wollte.“ Jahrelang habe er geglaubt, dass wenn er genug besitzt, er Dinge tun wird, die er mag. Doch genau dieses Leben im Aufschub ließ ihn leer zurück. Der Wunsch wurde klarer: mit einem Rucksack um die Welt zu reisen und „am liebsten für nichts anderes als diesen Rucksack Verantwortung übernehmen“.

Vom „Jemand-sein“ zum „Bei-sich-sein“

Lange orientierte sich Florian an klassischen Karrierezielen. Erfolg und Reichtum sollten beweisen, dass er es „verdient“ hatte, das Leben zu genießen. Heute stellt er sich andere Fragen: „Mittlerweile frage ich mich vor allem, ob ich Dinge tue, die mir Freude bereiten.“ Sein Fokus hat sich verschoben – weg vom äußeren Bild, hin zur inneren Haltung. Früher sei wichtig gewesen, wofür er steht und wie er wirkt. Heute gehe es darum, wie er lebt und welchen positiven Unterschied er machen kann.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Frage: Wie möchte ich einmal gewesen sein? Für Florian führte sie zu einer ernüchternden, aber befreienden Einsicht: „Wir kommen mit leeren Taschen auf die Welt und gehen auch wieder mit leeren Taschen. Das Einzige, was von uns bleibt, sind „die Interaktionen mit anderen Menschen und wie sie sich an uns erinnern“. Besitz hingegen verliert seine Bedeutung. „Was also zählt, ist letztendlich, wer wir sind – solange wir sind.“, so Florian.

90 Prozent loslassen – und Freiheit gewinnen

Der Schritt, ein radikal reduziertes Leben zu wählen, kam schneller als geplant. Über Nacht zog Florian mit nichts weiter als einem Rucksack zu seiner damaligen Freundin. Emotional war vor allem der Gedanke an den endgültigen Verlust schwer. Doch als er später seine Wohnung auflöste, stellte er überrascht fest, wie wenig er vermisste. Er stellte alles auf den Prüfstand und nahm nur mit, was er wirklich mitnehmen wollte: rund 90 Prozent seines Besitzes ließ er zurück. „Es war absolut befreiend“, sagt er heute.

»Was also zählt, ist letztendlich, wer wir sind – solange wir sind.«

INTERVIEW A9D64217 C5CA 43E1 B6CE 44E34EF74618Interlaken: der Tag, an dem Florian endgültig auf sein Boot Santana gezogen ist.Mit dem äußeren Aufräumen begann auch ein innerer Prozess. „Ich habe festgestellt, dass ich nicht nur in meinem Leben eine ganze Menge Gerümpel hatte, sondern auch in meinem Kopf.“ Florian hatte im Laufe seines Lebens so viele Glaubenssätze aufgebaut, die massiv sein Denken und Handeln eingeschränkt haben. Seitdem arbeitet er kontinuierlich daran, immer wieder damit aufzuräumen. Minimalismus wurde so nicht nur ein Lebensstil, sondern ein Werkzeug zur persönlichen Weiterentwicklung.

Glück, Coaching und ein anderer Blick auf Menschen

Diese Haltung prägt auch Florians Arbeit als Coach und sein Business „Simplicity Of Happiness“. Glück bedeutet für ihn heute, Menschen nicht mehr über Besitz oder Status zu definieren. „In dem Augenblick, in dem ich mich und andere nicht mehr danach bewerte, was sie besitzen, kann ich viel unvoreingenommener sein.“ Statt fertige Antworten zu liefern, stellt er bessere Fragen – und begleitet Menschen dabei, ihren eigenen Weg im Leben zu finden.

»In dem Augenblick, in dem ich mich und andere nicht mehr danach bewerte, was sie besitzen, kann ich viel unvoreingenommener sein.«

Dass ein alternativer Lebensentwurf oft auf Unverständnis im Umfeld stößt, überrascht ihn nicht: „Vor allem in Deutschland lernen wir sehr früh, in Gut und Böse, in richtig und falsch zu unterscheiden.“ In einer Gesellschaft mit klaren Vorstellungen von Erfolg wirke jeder Ausbruch aus der Norm wie ein Angriff auf das eigene Lebensmodell. Kritik sei häufig einfacher, als die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen. Florian selbst habe Vorwürfe zunächst mit Rechtfertigung beantwortet – bis er schließlich bei einer klaren, ruhigen Haltung angekommen sei, ohne andere damit anzugreifen.

INTERVIEW Florian auf seinem SegelbootFlorian liegt mit seinem kleinen Boot in Sansibar vor Anker und wartet hier auf den Start einer Schnorcheltour.

Routinen, Krisen und das bewusste Loslassen

Auch in einem ortsunabhängigen Leben spielen Routinen für Florian eine entscheidende Rolle. Sie entlasten den Kopf und schaffen Raum für Kreativität. „Unser Bewusstsein kann nur einen Millionstel der Informationen verarbeiten, die unserem Nervensystem zur Verfügung stehen. Alles andere wird vollautomatisch vom Unterbewusstsein verarbeitet. Deshalb können Routinen helfen, wieder aktive Kapazität im Kopf zu haben, um tatsächlich Herausforderungen anzugehen und/oder kreativ zu sein.“

Die Corona-Pandemie stellte vieles bei Florian infrage, eröffnete aber zugleich neue Möglichkeiten. Sie zwang ihn, Nähe und persönliche Verbindung digital neu zu denken – und schenkte ihm letztlich eine Freiheit, die räumliche Distanz irrelevant macht. „Die Pandemie hat mich gezwungen, einen Weg zu finden, absolut nahbar und persönlich zu sein, ohne im selben Raum zu sein“, so Florian.

Krisen betrachtet er grundsätzlich als Chancen. Entscheidend sei der Perspektivwechsel: Jede Situation als neuen Startpunkt zu begreifen und sich von Schuldgefühlen oder verpassten Möglichkeiten zu lösen. Für Florian bedeutet Loslassen „kein Verzicht, sondern das absolute Gegenteil. NEIN zu allem, was dich zurückhält, bedeutet, uneingeschränkt JA sagen zu können zu allem, was wirklich wichtig ist.“

INTERVIEW DJI 0352Seit 2022 lebt Florian fest auf seinem Segelboot: einer Hallberg-Rassy 35.

Weniger ist mehr

Für alle, die spüren, dass weniger vielleicht mehr sein könnte, hat er einen pragmatischen Rat: den Kleiderschrank für ein halbes Jahr komplett einpacken – und nur das zurückhängen, was man tatsächlich trägt. Ein kleiner Schritt, der große Klarheit schaffen kann. 

Über Florian Hornig

Florian ist in der Nähe von Köln geboren und aufgewachsen und hat in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Italien und Tansania gelebt und gearbeitet. Nachdem er sein Leben, seine Berufserfahrungen und vieles andere mehr hinterfragt hatte, startete er 2009 sein Coaching-Business als unabhängiger Berater mit dem Schwerpunkt, das individuelle Streben nach Glück als Hauptantrieb für den persönlichen Erfolg zu fördern. 2018 gründete er „Simplicity of Happiness“. Als Coach hat er sich auf Leadership und Kommunikation spezialisiert und dabei mit allen Konventionen des „normalen Arbeitslebens” gebrochen. Seit 2014 arbeitet er nicht mehr im Büro und verbrachte seine Zeit auf dem Segelboot oder in seinem damaligen Guesthouse am Kilimandscharo. Seit 2022 ist das Segelboot zu seinem festen Zuhause geworden, mit dem er full-time unterwegs ist. Zudem betreibt er einen Podcast und verfasst Artikel zum Thema „Simplicity of Happiness“. 

Weitere Informationen finden Interessierte unter:


Foto von Steffi Hochgraef

Steffi Hochgraef

Steffi Hochgraef ist seit 2023 für den BDAE tätig. Sie hat ein großes Interesse an kulturellen Austauschen und Themen rund um Aufenthalte im Ausland, da sie selber für längere Zeit in Indien, Ecuador und Bolivien gelebt hat. Für den BDAE ist sie in der Unternehmenskommunikation und im Marketing tätig. Redaktionell befasst sie sich mit vielen Themen rund um das Leben und Arbeiten im Ausland und schreibt über rechtliche Aspekte beim Thema Global Mobility und längeren Auslandsaufenthalten sowie zu Reise- und interkulturellen Themen für digitale Nomad*innen, Ausgewanderte und Weltreisende.