COCOVERDE – Vom Abfall zur Energie: Wie zwei Deutsche in Indonesien nachhaltigen Handel mit Kokoskohle betreiben

Doch wusstest du, dass genau dieser vermeintliche Abfall, die Kokosnussschale, weiterverarbeitet und sogar zu Energie werden kann?
In Indonesien werden jedes Jahr rund 2,8 Millionen Tonnen Kokosnüsse produziert.
Mein Arbeitsumfeld seit über 10 Jahren.
Der größte Teil der Ernte, etwa 67 Prozent, wird zu Kokosöl weiterverarbeitet. Ein weiterer Anteil fließt in Lebensmittelprodukte wie Kokosmilch, Kokoscreme oder Kokosmehl. Und ein dritter Teil wird als industrieller Rohstoff genutzt. Mit genau diesem Teil beschäftige ich mich nun seit über elf Jahren und nehme euch in diesem Gastbeitrag mit auf meine Reise dahin.
Kurz zu meiner Person
Ich bin Romy Demeter. Nach dem Abitur bin ich für ein Jahr als Au Pair in die USA gegangen. Das war 2003 – und eine Erfahrung, die ich bis heute nicht missen möchte. Zum ersten Mal allein im Ausland zu sein war spannend und prägend zugleich. Gleichzeitig war es eine behütete Form des Aufbruchs, denn ich lebte bei einer großartigen Gastfamilie mit nur einem Kind zusammen, zu denen ich bis heute Kontakt habe.
Zurück in Deutschland ging ich anschließend meinen ersten beruflichen Erfahrungen in Hamburg nach. 2013 fasste ich gemeinsam mit meinem Partner Christian den Entschluss, nach Malaysia auszuwandern. Wie und warum genau es dazu kam, würde an dieser Stelle zu weit führen. Entscheidend ist, Malaysia wurde für uns zum Sprungbrett in eine Branche, die in Europa kaum bekannt ist: Die Welt der Kokosnusskohle aus Indonesien.
Wie alles begann
Begegnungen, die bleiben: Schulbesuch in Borneo während meiner NGO-Arbeit.
Christian und ich hatten zuvor für eine NGO in Borneo-Malaysia an verschiedenen Projekten mitgewirkt. Ziel war es, den Lebensstandard auf einer etwa 80 Kilometer entfernten Insel im Südchinesischen Meer nachhaltig zu verbessern. Diese Zeit hat uns nicht nur beruflich geprägt, sondern auch persönlich. Sie hat uns gezeigt, wie eng wirtschaftliche Entwicklung und soziale Verantwortung miteinander verknüpft sind. Ein zentrales Projekt war der Bau eines Aquaponik-Gewächshauses. Das ist ein geschlossenes System, das Fischzucht (Aquakultur) und Pflanzenanbau (Hydroponik) miteinander verbindet. Die dabei entstehenden natürlichen Kreisläufe ermöglichen eine ressourcenschonende Form der Landwirtschaft und sollten die Ernährungssituation auf der Insel verbessert.
Diese Erfahrung hat unseren Blick auf Ressourcen grundlegend verändert. Wir haben gelernt, dass nachhaltige Entwicklung oft dort beginnt, wo man bestehende Kreisläufe neu denkt und vermeintliche „Abfälle“ als wertvolle Rohstoffe begreift.
Diese Denkweise gilt es später wieder aufzugreifen. Doch zunächst einmal mussten wir unsere recht leer gewordenen Geldbeutel wieder auffüllen und gingen nach Kuala Lumpur, in die Hauptstadt. Hier hatten wir bereits familiäre Kontakte, die uns in allem unterstützten, was wir für unseren Neustart brauchten. Wir fanden beide eine Anstellung bei deutschen Unternehmen. Christian in der Tourismusbranche, ich in der Niederlassung eines großen deutschen Papierherstellers. Doch lange blieb es nicht ruhig.
Der Einstieg in die Kokosnusskohle
Eines Tages meldete sich ein ehemaliger Kunde von Christian aus Deutschland und bat um ein Treffen in Indonesien. Er hatte das eingeschlafene Kokosnusskohle-Geschäft seines Vaters übernommen und hatte vor, so richtig durchzustarten. Dafür suchte er Mitarbeiter, die vor Ort waren und idealerweise Deutsch sprachen. Wir waren begeistert von der Idee, den Abfall der Kokosnussschalen in hochwertige, nachhaltige Energie zu verwandeln. Für uns war klar, hier konnten wir an der Idee anknüpfen, die wir bereits bei der NGO verfolgt hatten, und einen echten Mehrwert schaffen.
Der Einstieg in die Kokosnusskohle
Zu Spitzenzeiten produzierten wir über 35 Container pro Monat und exportierten unsere Kokosnusskohle für den Shisha- und Barbecue-Markt nach Europa, in die USA, nach Australien und in den Mittleren Osten. Um diese Mengen zu stemmen, arbeiteten wir zusätzlich mit einer Handvoll ausgewählter Partnerproduktionen zusammen. Deren Qualitäten wurden regelmäßig in unserem Hause geprüft, um sicherzustellen, dass unsere Standards eingehalten wurden. Im Gegenzug garantierten wir ihnen eine konstante Auslastung.
Wir starteten klein und kauften zunächst ein bis drei Container pro Monat von Fremdproduzenten. Doch schnell wurde klar, dass wir mehr Kontrolle über Qualität und Prozesse brauchten. Kurz darauf mietete er eine eigene Produktionsstätte in Tangerang, westlich von Jakarta auf der Insel Java, an. Bis 2018 war schließlich eine eigene Produktionsstätte südlich von Jakarta, in Bogor, fertiggestellt – ein echter Meilenstein.
Wachstum, Verantwortung & Belastung
Zwischen Ankunft und Aufbruch: Mein zweites Zuhause im Hotelzimmer.
Bereits Ende 2016 schloss sich Christian einer weiteren Kokosnusskohle-Produktion an, die ebenfalls zu unseren Partnerbetrieben gehörte. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich noch im Aufbau. Und genau diese frühe Phase reizte ihn besonders. Er tauchte tief in die Prozesse ein und arbeitete aktiv an der Entwicklung der Qualitäten mit. Denn in dieser Branche ist das richtige Rezept der Schlüssel zum Erfolg und die eigentliche Geheimwaffe, wovon sich eine gute Produktion von der breiten Masse abhebt.
Währenddessen blieb ich im Unternehmen und baute die Strukturen weiter mit aus. Mit den Jahren wuchs mein Verantwortungsbereich: Ich leitete die operativen Prozesse, verantwortete den Einkauf bei den Partnerproduktionen und koordinierte die Exportabwicklung. Zusätzlich lag der Verpackungsbereich mit einem Budget von über einer Million US-Dollar in meiner Verantwortung.
Die Jahre zwischen 2015 bis 2019 waren geprägt von intensiven Reisen zwischen Malaysia und Indonesien. Ich wollte mein neues Zuhause nicht aufgeben. In Kuala Lumpur hatten wir uns ein soziales Umfeld mit Freunden, die längst zur Familie geworden waren, aufgebaut. Unser Wohnort am Stadtrand war mein Rückzugsort. Fast jeden Morgen erklomm ich einen 258 Meter hohen Hügel im geschützten Dschungelgebiet und teilte mir die Wege mit Affen, Schlangen, Waranen und vielen anderen Dschungel-Bewohnern. Diese Momente waren mein Ausgleich zu einem zunehmend fordernden Alltag.
Oft flog ich montagmorgens mit der 7 Uhr Maschine nach Jakarta und kehrte Freitag mitternachts zurück nach Kuala Lumpur. Wer Jakarta kennt, weiß um den Verkehr. Allein die Fahrt vom Flughafen dauerte oft zwei weitere Stunden. Diese Jahre gingen nicht spurlos an mir vorbei. Ich entwickelte eine chronische Funktionsstörung, die meinen Alltag zunehmend bestimmte und zahlreiche Arztbesuche mit sich brachte.
In dieser Zeit war eine zuverlässige Auslandskrankenversicherung wie die vom BDAE für mich unverzichtbar. Der persönliche Kontakt und das spürbare Gefühl von Verlässlichkeit nahmen selbst einem Krankenhausaufenthalt viel von seiner Belastung – einfach, weil ich wusste, im Hintergrund gut aufgefangen zu sein.
Stillstand, Bruch und Neubeginn
Und dann infizierte sich die Welt mit COVID-19 und alles stand still. Zum ersten Mal seit Jahren kam auch ich zur Ruhe. Christian und ich verbrachten den Lockdown zuhause in Kuala Lumpur, während mein Chef in Indonesien blieb.
Gemeinsam durch alles: Als Lebens- und Geschäftspartner nach 10 Jahren in die Unabhängigkeit.
Als sich Mitte 2022 die Grenzen wieder öffneten, reisten wir erstmals nach über zwei Jahren wieder nach Indonesien. Diesmal mit einem Zwischenstopp auf Bali. Dort hatte mein Chef mittlerweile zwei Shisha Bars eröffnet, ein Haus gekauft und seine langjährige indonesische Freundin geheiratet. Christian und ich waren im Jahr 2011 das erste Mal auf Bali und von der besonderen Mischung aus Spiritualität und Natur begeistert. Als leidenschaftlicher Yogi, die ihre Praxis während des Lockdowns entdeckte, schätzte ich zudem die vielen, inspirierenden Yoga-Shalas, in denen sich für mich die ganze Tiefe dieser Praxis erst wirklich erschließt.
Die Idee, hier zu leben, fühlte sich richtig an. Und so beschlossen wir, Bali zu unserer Basis zu machen, ein Büro anzumieten und mich durch eine Assistenz unterstützen zu lassen.
Doch wie Wilhelm Busch einst sagte:
Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt.
Zunächst vertröstete ich unsere Zulieferer bei ihren Zahlungen und unsere Kunden hinsichtlich ihrer Container. Doch irgendwann konnten auch die Gehälter nicht mehr gezahlt werden. Nach zehn Jahren kam es zum Bruch – die Firma wurde verkauft.
Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, bedeutete dieses Ende einen Neuanfang für Christian und mich. Zehn Jahre Erfahrung in einer Branche legt man nicht einfach ab. Ich hatte über die Jahre enge Beziehungen zu unseren Kunden aufgebaut und begann nach und nach offen über das Geschehene zu sprechen. Uns wurde allmählich bewusst, dass wir alles hatten, um selbst neu zu starten Erfahrung, ein Netzwerk und Wissen und vor allem Vertrauen. Gemeinsam entwickelten wir einen Businessplan und gründeten unsere eigene Firma.
Mittlerweile haben wir unseren Lebensmittelpunkt komplett nach Bali verlegt und uns einen kleinen, selektiven Kundenstamm aufgebaut. Nach all den Jahren haben wir endlich den Freiraum, unsere Arbeit so zu gestalten, wie wir es immer wollten – mit Geduld, Sorgfalt und Empathie.
Das Vertrauen, dass uns entgegengebracht wird, bestätigt uns darin. Die Kokonusskohle-Industrie ist und bleibt unsere Herzensangelegenheit, vielleicht mehr denn je.

Über Cocoverde
COCOVERDE verbindet langjährige Erfahrung in der indonesischen Kokoskohleindustrie mit technischem Know-how fundierter Marktkenntnis und einem tiefen kulturellem Verständnis
Das Unternehmen unterstützt internationale Kundinnen und Kunden bei der Produktauswahl, Qualitätsprüfung, Lieferantenverifizierung und Exportlogistik zur Gewährleistung einer verlässlichen Zusammenarbeit und konstant hohe Standards.

Romy Demeter
Romy Demeter ist im Spreewald geboren, in Berlin aufgewachsen. Mit 18 Jahren begann ihr Abenteuer: als Au Pair in den USA, Studium in Deutschland und England. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Christian, mit dem sie seit 19 Jahren verbunden ist, wanderten sie 2013 nach Malaysia aus. Ein Schritt, der sie schließlich dorthin führte, wo sie heute wirkt: In der Kokosnusskohle-Industrie Indonesiens.
Fast ein Jahrzehnt lang arbeitete sie für eine der größten Marken der globalen Shisha-Kohlebranche. Als das Unternehmen verkauft wurde, entschied sie sich der Industrie treu zu bleiben und ihren eigenen Weg zu gehen. Zusammen mit Christian gründeten sie ihr eigenes Unternehmen Cocoverde. Dort setzen sie ihre Arbeit fort – bewusster, mit mehr Empathie und einem tieferen Verständnis für die Menschen hinter dem Produkt. Parallel dazu schreibt sie auf Substack über die indonesische Kokosnusskohle-Industrie. Nicht als klassische Branchenanalyse, sondern aus einer persönlichen Innenperspektive. Ihre Texte sind geprägt von den Erfahrungen eines Jahrzehnts vor Ort, als deutsche Frau in einem komplexen, oft missverstandenen Industriezweig.



