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Rastlosigkeit trifft Verantwortung

08. April 2026
Franziska Consolati
Minuten
Früher dachte ich, Nachhaltigkeit würde einfacher werden, sobald ich sesshaft bin. Heute lebe ich auf einem alten Hof in Nordschweden – und mein Leben spielt sich zwischen zwei Ländern ab. Eine Kolumne über Verantwortung, Widersprüche und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit kein Zustand ist, sondern ein Weg.
Die Weite der Wälder, unzählige Seen, die wilde Natur, Abgeschiedenheit: ein paar Gründe, wegen der sich Franziska in Schweden so wohl fühlt.
© Franziska Consolati
© Franziska Consolati

In mancher Hinsicht bin ich heute genauso, wie ich niemals sein wollte. Puh. Es ist nicht einfach, sich das einzugestehen – mir selbst gegenüber, das ist die eine Sache. Aber vor allem ist es nicht einfach, das schwarz auf weiß niederzuschreiben, sodass es einige tausend Menschen lesen können.

Heute bin ich also so, wie ich einst dachte, niemals sein zu wollen. Und das, obwohl ich ebenfalls dachte, das mit der Nachhaltigkeit würde so viel einfacher werden, würde ich nur irgendwann sesshaft sein.

Lasst uns ein gutes Jahrzehnt zurückspulen und mit einem Blick in die Vergangenheit starten: Den Großteil meines Erwachsenenlebens habe ich von Reise zu Reise gelebt. Und auf Reisen. Mich hat das starke Gefühl begleitet, dass ich hinaus in die Welt gehöre. In Wanderschuhe und mit einem Rucksack auf dem Rücken. In Betten, die nicht meine waren, und auf die Rückbänke der Autos von Menschen, die ich gerade erst kennengelernt hatte.

Gleichzeitig waren es eben diese Reisen, die mich unsere Welt lieben gelernt haben. Denn während ich Gipfel bestiegen habe, in Meeren abgetaucht bin, Wälder durchstreift und Wüsten durchquert habe, habe ich verstanden, dass es nichts Wertvolleres gibt als unseren Planeten und seine Natur. Und dass es an uns allen liegt, ihn zu schützen. Diese Erkenntnis hat sich mir schleichend eingeprägt, der große Aha-Moment ist schließlich dann passiert, als ich eines Sommers in Wanderschuhen und kurzer Hose vor dem Geröllfeld stand, das während meiner Kindheit von der meterhohen Eisdecke eines Gletschers bedeckt war.

Ich weiß – das klingt kontrovers: zu reisen, um sich für Klimaschutz auszusprechen. Die Sache ich aber doch: Nachhaltigkeit ist ein großes Ganzes, ein komplexes Puzzle. Klimaschutz ist ein Teil davon, genau wie soziale Verantwortung, Biodiversität und Artenschutz. Nur, um ein paar dieser Puzzleteile zu nennen.

AltText AltText AltText AltText AltText AltText AltText AltTextSeit mehreren Jahren bereist Franziska ihr Heimatland Deutschland und entdeckt die Vielfältigkeit der Regionen. Zum Beispiel auf dem Kammweg, der durch die Wälder und über die Hügel an der deutsch-tschechischen Grenze führt. © Franziska Consolati
 

Reisen spielen für all diese Aspekte eine entscheidende Rolle. Einerseits, weil zwischen sieben und neun Prozent der globalen Treibhausgasemissionen dem Tourismus angerechnet werden (Puzzleteil Klimaschutz). Andererseits aber auch, weil nicht zu reisen ebenfalls nicht nachhaltig wäre. Zum Beispiel in Sachen Tierschutz. Zahlreiche Länder finanzieren ihre Naturschutzgebiete und Nationalparks über die Einnahmen aus dem Tourismus. Ein südafrikanischer Ranger hat es in einem Gespräch einst gut auf den Punkt gebracht.

“Nur dann, wenn Menschen Geld bezahlen, um Elefanten sehen zu können – nur dann werden Elefanten aktiv geschützt.“

Das übrigens ist dringend notwendig, denn in den vergangenen hundert Jahren ist die afrikanische Elefanten-Population um mehr als 90 Prozent geschrumpft.

Würden wir also alle aufhören zu reisen – wie lange wären Elefanten dann noch am Leben?

Die Herleitung ist kurz, ich weiß. Richtig ist sie dennoch. Dabei geht es um weit mehr als um die Population der Elefanten. Sie stehen exemplarisch für alles, was dank des internationalen Tourismus geschützt wird.

Und dennoch sind unsere Reisen gleichzeitig Teil eines Problems. Lange haben sie eine ausschlaggebende Größe meines ökologischen Fußabdrucks eingenommen. Sie waren ein ständiger Bestandteil meines schlechten Gewissens. Obwohl ich längst angefangen hatte, verantwortungsbewusster zu reisen. Keine Kurzstrecken zu fliegen, lange Aufenthalte mit einem positiven Einfluss auf mein Reiseziel zu planen, anstatt kurzer Urlaube.

Zu dieser Zeit war ich dennoch überzeugt, es wäre einfacher, verantwortungsbewusst zu handeln, wenn ich nur irgendwann nicht mehr so rastlos sein würde.

Zwischen all dem Fernweh, den Reisen und der permanenten Rastlosigkeit habe ich ihn schließlich unverhofft gefunden: einen Ort, der mir die Rastlosigkeit nahm. Ein kleines Haus mitten im Wald Schwedens, das viel mehr werden sollte, als ein gelegentlicher Rückzugsort.

Es wurde ein Wegweiser, der mein Leben in eine neue Richtung bewegt hat. Nämlich auf einen alten Hof im Norden Schwedens, der seit dem Sommer 2024 mein Zuhause ist.

Seither liegen 2.000 Kilometer zwischen meiner alten Heimat und der neuen. Diese Distanz immer wieder zurückzulegen, ist nun kein Reisethema mehr, sondern gehört zu meinem Alltag.

AltText AltText AltText AltText AltText AltText AltText AltTextEin langsames Leben in Schweden: Im Norden hat Franziska mittlerweile nicht nur ihr Zuhause gefunden – sondern durch die Kontraste der augeprägten Jahreszeiten einen noch intensiveren Bezug zur Natur  © Franziska ConsolatiObwohl es mich weitaus weniger in die Welt hinauszieht, seit ich dieses Zuhause gefunden habe (die letzte Fernreise liegt tatsächlich schon fünf Jahre zurück), und ich nicht mehr nach Lösungen suche, um mein Reiseverhalten verantwortungsbewusst zu gestalten – so liegt meine Herausforderung heute darin, den Wegzug aus der Heimat meiner Kindheit und Jugend möglichst nachhaltig zu gestalten. Mein altes Leben mit dem Neuen zu vereinen, ohne permanent ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Zum Beispiel, weil ich einmal im Jahr mit unserem Volkswagen T5 zwischen Süddeutschland und Nordschweden pendle. Oder, weil ich manchmal sogar ins Flugzeug steige.

Genau deshalb bin ich heute manchmal genauso, wie ich nie sein wollte.

Auf diesem Weg habe ich aber auch Eines verstanden: Das große Puzzle, zu dem Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein gehören, hat Ecken und Kanten. Um alle Puzzleteile zusammen zu bringen, müssen wir nicht nur unseren Blickwinkel ändern, sondern uns immer wieder neu erfinden.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung unserer Zeit: Widersprüche auszuhalten, unsere Entscheidungen regelmäßig zu hinterfragen, und nicht aufzuhören, Verantwortung zu übernehmen.

Nachhaltigkeit ist kein Zustand, den man irgendwann erreicht und abhaken kann. Sie ist ein Prozess. Vielleicht geht es auf diesem Weg vor allem darum, jeden Tag aufs Neue zu versuchen, unseren Platz in diesem großen Puzzle ein kleines bisschen bewusster einzunehmen.


Franziska Consolati

Franziska Consolati

Franziska Consolati (*1993 in Oberbayern) ist den Großteil ihres Erwachsenenlebens um die Welt gereist, bis ihr ein abgelegenes rotes Holzhaus im Wald Schwedens die Rastlosigkeit genommen hat. Die Lichtung ihres kleinen Hauses wurde zu einem fehlenden Puzzleteil. In den ersten beiden Jahren ist Franziska gemeinsam mit ihrem Mann zwischen Schweden und Süddeutschland gependelt. Heute sind die Beiden in Schweden zuhause.

Mit ihren Geschichten vom Draußensein hat Franziska bereits zweimal den Autorenwettbewerb von Malik National Geographic und The Travel Episodes gewonnen sowie den ITB BuchAward. Sie schreibt u.a. für Lonely Planet und für diverse Magazine im Outdoor-Bereich. Ihr neuestes Buch Heimwärts ist im Knesebeck Verlag erschienen.