Über das Leben als deutsche Familie in Stockholm – oder: Wo „lagom“ das Leben und Arbeiten bestimmt - „Lagom“ und das Arbeitsleben
Seite 2 von 4: „Lagom“ und das Arbeitsleben
Auch, wenn es teuer ist, hast du das Gefühl, dass sich die Ausgaben trotzdem „lohnen“?
Lea: „You pay a lot, you get a lot“ – das hat mal ein Freund zu uns gesagt und für mich stimmt das einfach zu 100 Prozent!
Wenn es um den Einsatz von Steuereinnahmen & Co. geht, wird das Geld so eingesetzt, dass man das auch sehen oder spüren kann – zumindest meiner Erfahrung nach: Unsere Straßen auf Södermalm sind mit Blumen und Pflanzen geschmückt, die Stadt hat sich auf die Fahne geschrieben, Autoverkehr zu minimieren und dafür die Straßen grüner zu machen. Selbst die Toilette auf dem Spielplatz – dass es überhaupt eine gibt, war für mich anfangs ein Wunder – wird in der Weihnachtszeit mit Lichterketten geschmückt. Ganz egal, ob es vorhandene Fahrradwege oder saubere Straßen sind, für uns fühlt sich das ganz selbstverständlich an.
»You pay a lot, you get a lot – das hat mal ein Freund zu uns gesagt und für mich stimmt das einfach zu 100 Prozent!«
Ich würde also sagen ja, wenn man ausreichend finanzielle Mittel hat, dann kann man hier ein wundervolles Leben führen.
Welche Rolle spielt „lagom“ für das Arbeitsleben der Schwed*innen – und wie wirkt sich das auf den Job aus?
Lea: Eine Anekdote dazu: Einer meiner deutschen Freundinnen wurde anfangs, als sie sich sehr ins Zeug gelegt hat, von ihrem schwedischen Arbeitgeber mitgeteilt, sie solle doch etwas mehr „lagom“ machen. Lagom bedeutet „genau richtig“ oder auch „gerade so gut genug“. Das bedeutet auch: Ehrgeiz ist hier an mancher Stelle einfach nicht erwünscht. Ich will und kann gar nicht behaupten, dass das überall so ist, aber es fällt einfach auf: Das Stressniveau ist in Schweden niedriger.
Die Schwed*innen vereinen Karriere und Arbeit völlig selbstverständlich. Ich habe schon ein Jobinterview geführt mit dem CEO einer Firma, der im Homeoffice war mit drei Kindern (teilweise krank), und der sich dafür nicht einmal entschuldigte – warum sollte er auch!? „My wife has a work meeting“, sagte er. Gar keine Frage, dass er dann zu Hause übernimmt, obwohl er Einstellungsgespräche führen muss.
In der Astrid-Lindgren-Welt kann man Freilicht-Theaterstücke mit Pippi, Michel & Co. anschauen. © Lea Lüdeamnn
Apropos Arbeit und Karriere: Stimmt es, dass Väter und Mütter in Schweden gleichberechtigter als in Deutschland unterwegs sind, was die Verteilung von Lohn-Arbeit und Care-Arbeit angeht?
Lea: Oh, ja! Das war für mich ein Kulturschock – und an dem habe ich immer noch zu knabbern. Denn ganz unbewusst sind wir eine der deutschen Familien, in denen der Vater voll arbeitet, die Mutter Teilzeit. Ich als Frau mache mehr Care-Arbeit, mein Mann unterstützt finanziell. Für meine schwedischen Freundinnen ist das unvorstellbar. Sie sagen zu mir: „But you’re not his employee!?“ Es ist wirklich sehr auffällig, wie hier alle in Vollzeit arbeiten und sich die Care-Arbeit 50:50 aufteilen. Männer in Elternzeit sind ein ganz normales Bild, sie sitzen im Café, gehen spazieren mit Kinderwägen.
»Die Schwed*innen vereinen Karriere und Arbeit völlig selbstverständlich.«
Was hat dich mit Blick auf das Thema Work-Life-Balance nachhaltig positiv beeindruckt?
Lea: Das Verhältnis zum Job nehme ich grundsätzlich als eher positiv wahr, insbesondere, wenn es um eine gesunde Balance geht.
Was dazu kommt, ist, dass ein Vollzeitjob nicht wie in Deutschland das klassische Arbeitsende um 18 Uhr bedeutet, sondern 16 oder 17 Uhr. Oder auch mal 15:30 Uhr, wenn ein Schwimmkurs oder Ähnliches ansteht – dann arbeitet man am nächsten Tag eben einfach ein bisschen länger. „Tar det lungt“ ist ein schwedischer Ausdruck, der bedeutet: „Nimm es leicht“ (analog zum englischen „Take it easy“).
Das bedeutet, überflüssiger Stress wird hier einfach vermieden. Natürlich spielen hier auch weitere Faktoren eine Rolle, so besteht beispielsweise zwischen Arbeitnehmer*in und Arbeitgeber*in eine größere Vertrauensbasis als ich es aus Deutschland kenne.
Und was fühlt sich für dich eher negativ an?
Lea: Negativ ist es nicht unbedingt – aber mein „deutsches Teilzeitmamaherz“ blutet manchmal schon etwas, wenn ich darüber nachdenke, wie lange Kinder hier täglich fremdbetreut werden. Und gleichzeitig weiß ich, dass mir das nur auffällt, weil ich aus einer anderen Kultur komme: Blickt man nach Frankreich, USA, Niederlande oder andere skandinavischen Länder, dann ist es ja überall so, dass Eltern voll arbeiten und Kinder eben von 8 oder 9 Uhr bis 16 Uhr in der Betreuung sind.
Und ganz ehrlich: Meine Kinder verziehen jeden Tag genervt das Gesicht, wenn ich um 15:30 Uhr reingeschneit komme. Sie wollen länger bleiben! Die Einrichtungen sind hier so aufgestellt, dass Kinder dort den ganzen Tag gut aufgehoben sind: Zweimal rausgehen, jeweils eine Stunde, Sport, leises Spiel, Kopfhörer für die Kinder. Der Betreuungsschlüssel ermöglicht, dass die Kinder gut betreut sind. Vielleicht muss ich mich einfach auch von meinen alten Glaubenssätzen im Sinne von „eine Fremdbetreuung ist schlecht für die Kinder“ verabschieden.
Über Lea Lüdemann
Lea Lüdemann lebt seit zwei Jahren mit ihrer Familie in Stockholm. Zuvor verbrachte sie acht Jahre in Frankfurt am Main, wo sie mit ihrem Lebenspartner und den beiden Kindern lebte und als Head of Content in einer Werbeagentur tätig war. Durch die Möglichkeit, ihre Arbeit vollständig remote aus dem Ausland fortzuführen, sowie die Festanstellung ihres Mannes in Stockholm bot sich der Familie ein günstiger Zeitpunkt für den Umzug, zumal die Kinder noch nicht schulpflichtig waren.
Buchempfehlung
In unserer Buchempfehlung geht es um „Heimwärts“ von Franziska Consolati: Eine Weltreisende findet in einem kleinen roten Haus im schwedischen Wald unerwartet ein Zuhause und erzählt, wie Renovierung, Natur, Einsamkeit und das besondere Licht des Nordens ihre Vorstellung von Heimat, Ruhe und Ankommen verändern.
Franziska Consolati: Heimwärts. Wie ich als Weltreisende unerwartet in Schweden ein Zuhause fand
Knesebeck Verlag
224 Seiten mit 25 farbigen Abbildungen
ISBN 978-3-95728-769-4
Preis: 20 Euro
