Über das Leben als deutsche Familie in Stockholm – oder: Wo „lagom“ das Leben und Arbeiten bestimmt
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Vermutlich war die Palette an Orten im Ausland, in die ihr damals hättet ziehen können, sehr groß. Warum habt ihr euch für Stockholm entschieden?
Lea: Als es darum ging, für eine bestimmte Zeit ins Ausland zu gehen, hatten wir drei Möglichkeiten: London, New York oder eben Stockholm. Diese Städte waren nämlich diejenigen, die auch für die Arbeit meines Partners infrage kamen – und für uns als junge Familie war dann recht schnell klar, dass es Stockholm werden würde.
Lustig ist, dass ich meinen Eltern, als ich ungefähr 18 Jahre alt war, schon erklärt habe, dass ich irgendwann gern in Stockholm leben möchte – aber wie ich darauf kam, weiß ich rückblickend gar nicht mehr. Der Punkt ist nämlich, dass ich zu dem Zeitpunkt noch nie in Stockholm war und es scheint, als hätte ich das damals irgendwie manifestiert… und jetzt ist diese Stadt tatsächlich zu unserem Zuhause geworden.
Viele Menschen warten auf „den richtigen Zeitpunkt“, wenn es darum geht, woanders zu leben oder gar für immer auszuwandern. Warum war der Zeitpunkt bei euch damals genau richtig so?
Lea: 2023 war für uns als Familie der perfekte Zeitpunkt, weil wir noch ein Zeitfenster von zwei Jahren hatten, bis unsere große Tochter sechs Jahre alt werden und damit in Deutschland schulpflichtig werden würde. Der Plan war also: Wir gehen für zwei Jahre nach Stockholm und kommen dann zurück, damit sie in Deutschland zur Schule geht.
Kleiner Spoiler: Wir sind nicht nach zwei Jahren zurückgekehrt, da wir an der europäischen Schule einen Platz für sie bekommen haben und sie hier eingeschult wurde.
Die Schweden lieben Eis – so auch Leas Kinder. © Lea Lüdemann
»Für uns war es bisher immer ein Weggehen auf bestimmte Zeit. Ich finde, „auswandern“ klingt so final und damit tue ich mich sehr schwer.«
Also, seid ihr denn dann jetzt tatsächlich „für immer“ ausgewandert oder erst einmal nur für eine bestimmte Zeit in Schweden?
Lea: Für uns war es bisher immer ein Weggehen auf bestimmte Zeit. Ich finde „auswandern“ klingt so final und damit tue ich mich sehr schwer. Ich weiß nicht, ob es irgendeinen Ort gibt, an dem ich jemals „für immer“ leben werde. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Grenzen für viele Menschen insbesondere in Europa offenstehen, ist es so einfach, „mal hier und mal dort“ zu sein, dass der Begriff „auswandern“ irgendwie überfällig wird.
Keine Ahnung also, ob wir in zwei Jahren noch hier leben oder auch noch in 20. Ich finde es besser, zu sagen: „Wir sind nach Schweden gezogen“.
Ein Leben in Balance?
Es heißt oft, Schweden wäre für Familien ideal und so viel besser aufgestellt als in Deutschland. Neben einer generell familien- und kinderfreundlichen Gesellschaft, in der Kinder auch in der Öffentlichkeit sehr willkommen sind, unterstützt und fördert der schwedische Sozialstaat diese Kultur: So sind beispielsweise Bildung und die Gesundheitsversorgung kostenfrei und werden als sehr gut bewertet – und insbesondere das Thema Elternzeit und die aktuellen Regelungen, die der Staat diesbezüglich aufgestellt hat, sorgten jüngst für viel sowie positives Aufsehen im internationalen Vergleich. Dass Schweden zudem als sauberes und naturverbundenes sowie sicheres Land gilt, das in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens unter dem Motto „lagom“ versinnbildlicht und auch in der Realität von der schwedischen Gesellschaft getragen wird, kommt noch hinzu.
Inwiefern dies auch auf Lea Lüdemanns Erfahrungen, die sie mit ihrer Familie in den letzten Jahren in Schweden und vor allem in Stockholm sammeln durfte, zutrifft, beschreibt sie aus Sicht ihrer Familie und damit sehr persönlich.
Stockholms Schärengarten bietet unzählige Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten. © Lea Lüdemann
Was hattet ihr euch von einem Leben in Stockholm erwartet – oder sogar erhofft?
Lea: Ich hatte im Gefühl, dass ich es hier sehr mögen würde. Von der Familienfreundlichkeit hört man ja immer wieder – ebenso wie von der Kaffeekultur, Kerzen und Gebäck. Es klingt vielleicht etwas langweilig, aber ich habe immer gedacht, dass ich mit meinen Vorlieben und meinem Lebensstil hier gut reinpassen würde. Und so ist es auch!
Stockholm gilt im europäischen Vergleich einerseits als eine der lebenswertesten, andererseits aber auch als eine der teuersten Städte. Wie beurteilst du – mit Blick auf die letzten zwei Jahre Auswandererdasein – ganz persönlich das Thema Lebensqualität im Vergleich zu deiner deutschen Heimat?
Lea: Das ist eine interessante Frage und eine hundertprozentige Antwort habe ich darauf nicht. Generell ist es so, dass die Schwed*innen rund ein Drittel weniger als die Deutschen verdienen. Dennoch leben sie wie Gott in Frankreich – mit Sommerhaus, Boot und Stadtwohnung. Eine Freundin sagte mal zu mir: „Naja, die bezahlen halt nicht ihre Häuser ab, sondern zahlen einfach nur die Zinsen.“ Keine Ahnung, ob die Aussage stimmt, aber Fakt ist: Die Steuern sind hoch und die sonstigen Kosten auch. Besonders teuer sind Alkohol und Tabakwaren. Alkohol wird staatlich sogar eingeschränkt, ist nur im „Systembolaget“, einem „Bottle Shop“, erhältlich und nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit – abends zum Beispiel gar nicht mehr.
Über Lea Lüdemann
Lea Lüdemann lebt seit zwei Jahren mit ihrer Familie in Stockholm. Zuvor verbrachte sie acht Jahre in Frankfurt am Main, wo sie mit ihrem Lebenspartner und den beiden Kindern lebte und als Head of Content in einer Werbeagentur tätig war. Durch die Möglichkeit, ihre Arbeit vollständig remote aus dem Ausland fortzuführen, sowie die Festanstellung ihres Mannes in Stockholm bot sich der Familie ein günstiger Zeitpunkt für den Umzug, zumal die Kinder noch nicht schulpflichtig waren.
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