Norwegen: Zwischen Fjorden und Energierevolution
Seite 1 von 4
Wer hier lebt und arbeitet, erfährt schnell: Die Fjorde, Berge und Nordlichter sind nicht nur landschaftliche Postkartenmotive, sondern Teil der Alltagskultur. Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Skifahren oder Angeln gehören zum Lebensstil. Gleichzeitig profitiert das Land von einem der größten Staatsfonds der Welt, gespeist aus Energieexporten, der für Stabilität und Wohlstand sorgt. In Norwegen zu leben und zu arbeiten, scheint also attraktiv: Im Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen rangiert das Land auf dem zweiten Platz – von insgesamt 193 Staaten – vor Island, mit einem Wert von 0,970 (2023), wobei 1 der höchste zu erreichende Wert ist. Im folgenden Beitrag werfen wir einen genaueren Blick darauf, wie sich die Lebens- und Arbeitssituation im Land darstellt.
Grüner Vorzeigestaat?
Das norwegische Landschaftsbild und die unbändigen Naturkräfte haben das Land zu einem der führenden Nationen in Europa beim Thema Wasserkraft gemacht. Rund 90 Prozent des Stroms stammen nach Angaben von Statistics Norway bereits heute aus Wasserkraft. Das Land gilt als grüner Vorzeigestaat: In zwei Dritteln der Haushalte sind Wärmepumpen installiert und in den Städten dominieren Elektroautos. Die norwegische Regierung hat sich zudem ehrgeizige Ziele gesetzt. So sollen laut Deutschlandfunk die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken und bis 2050 will das Land klimaneutral sein.
Aus dem Staatsfonds von über zwei Billionen Euro, dem größten im weltweiten Vergleich, fließen rund drei Prozent der erwarteten Renditen in die Staatskasse und finanzieren beispielsweise Schulen, Krankenhäuser oder Straßen. Im Jahr 2025 wird der Fonds etwa ein Fünftel des gesamten Budgets decken. Doch sollte man hinter alldem nicht vergessen, dass sich Norwegens Reichtum aus fossilen Exporten speist. Öl und Gasmachen etwa 60 Prozent der Exporte aus. Ein Drittel aller Staatseinnahmen stammt somit direkt aus der Förderung dieser fossilen Brennstoffe. Die norwegische Regierung betont dabei, dass die Förderung dennoch sauberer als anderswo sei. Bohrinseln sollen beispielsweise zunehmend mit Strom aus Windkraft betrieben werden und die Produktion damit um 50 Prozent weniger CO2 verursachen. Wie marktreif einige Vorhaben zur CO2-Reduzierung sind, ist jedoch nicht klar. Zumindest gibt es Bewegung und weiterführende Überlegungen, die dies vorantreiben.
Kos, das norwegische Hygge
Wer nach Norwegen zieht, wird früher oder später mit dem Begriff „Kos“ konfrontiert. So wie das dänische „Hygge“ und das schwedische „lagom“ pflegen auch die Menschen in Norwegen diesen besonderen Lebensstil. Ausgesprochen wird „Kos“ mit einem langen „u“ (Kuus). Es ist ein zentraler Begriff in der norwegischen Kultur und drückt etwa Behaglichkeit, Gemütlichkeit, Wohlgefühl und Geborgenheit aus. Dabei geht es weniger um äußere Perfektion, sondern um ein inneres Gefühl – das Zusammensein mit geliebten Menschen, den Genuss einfacher Dinge, Entspannung, Wärme und Ruhe. „Kos“ ist flexibel einsetzbar: Man kann sagen, ein Ort ist „koselig“, ein Abend mit Freunden kann „koselig“ sein, oder man kann „å kose seg“ – sich entspannen, genießen.
© EVERST, AdobeStock
In der Arbeitswelt hat Kos ebenfalls seinen Platz. Norwegische Unternehmen legen großen Wert auf ein gutes Miteinander und eine entspannte Atmosphäre im Büro. Die Pausenkultur – beispielsweise die „Kaffeepause“ – wird nicht nur als Gelegenheit zum Durchatmen verstanden, sondern auch zum Austausch und zum Aufbau persönlicher Beziehungen.
Digitaler Alltag
Norwegen zählt, wie die restlichen skandinavischen Länder, zu den digital fortgeschrittensten Ländern Europas. Seit 2014 gilt das E-Government-Gesetz wodurch das Prinzip des „Digital-by-Default“ gilt, was bedeutet, dass alle Vorgänge zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Behör-den möglichst digital abgewickelt werden sollen. Digitale Technologien und Online-Services sind damit fest im Alltag und der Verwaltung verankert.
In Norwegen haben 2024/2025 laut Data Reportal und Internet Society 99 Prozent der Bevölkerung einen Inter-netzugang. E-Commerce und Online-Shopping sind äußerst verbreitet. Viele Bürgerinnen und Bürger erledigen ihre Bankgeschäfte und Einkäufe über mobile Endgeräte. Öffentliche Behörden kommunizieren in Norwegen in der Regel digital mit den Bürgerinnen und Bürgern – sei es durch elektronische Postfächer („digital mailbox“), Online-Dokumente, Formulare oder Bescheide.
Viele Dienste wie beispielsweise in der Gesundheitsversorgung, im Steuerwesen, der Arbeitsvermittlung oder Anträge von Sozialleistungen sind online zugänglich. Über eine elektronische ID (zum Beispiel eine Bank-ID oder Buypass-ID) ist es möglich, sich einzuloggen und diese Dienste sicher zu nutzen. Das Service-Portal Norge.no fungiert in Norwegen als zentrale Anlaufstelle für digitale öffentliche Dienste. Über dieses Portal können beispielsweise Änderungen der Adresse vorgenommen werden, mit Behördenkommuniziert oder digitale Postfächer genutzt werden.
Mit über 30 Jahren Erfahrung als Experte für die Absicherung im Ausland wissen wir: Ein gelungenes Leben im Ausland braucht mehr als nur guten Versicherungsschutz. Deshalb beleuchten wir für Sie alle Facetten des Auslandsalltags – von Steuern über Wohnungssuche bis hin zu kulturellen Aspekten.