„Wenn du dich nicht weit hinaus traust, ist da immer die Versuchung, zu schnell aufzugeben.“ - Organisation des alltäglichen Lebens in Norwegen
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Norwegen ist bekannt für seine hohen Lebenshaltungskosten – welche finanziellen Hürden waren für dich als Deutscher bei der Ankunft besonders ungewohnt?
Daniel: Die Mentalität in Bezug auf den Wohnungsmarkt ist hier komplett anders als in Deutschland. Hier in Norwegen mietet man nicht ein Zuhause, man kauft. Die Mieten sind sehr hoch und im Vergleich zum Kauf einfach unattraktiv.
Auch bei Schnee und Frost pulsiert das Leben in Norwegens moderner Metropole Oslo. © Franziska KlugMich daran nicht anzupassen, als ich hierhergezogen bin, war mein Fehler. Ich hatte mich trotz sehr günstiger Kredite nicht getraut, direkt eine Immobilie zu erwerben. Seitdem haben Gesetzesänderungen den Kauf teurer gemacht, jetzt sind 15 Prozent Eigenkapital Pflicht – zumindest für mich. Ein Haushalt, bei dem zwei Personen jeweils einen Arbeitsvertrag vorweisen können, erhält sofort einen Kredit. Aber dieser Kredit wird mir als Single nicht so einfach gewährt. Und wenn du jetzt eine Wohnung für 3.000.000 Kronen kaufen möchtest und parallel noch die Miete stemmst, sind 15 Prozent des Kaufpreises schon eine happige Summe.
Bei meiner Ankunft in Norwegen musste ich mich vor allem an die hohen Lebenshaltungskosten gewöhnen. Gerade in der Region rund um Oslo sind Preise für viele Dinge deutlich höher als in Deutschland – von Lebensmitteln bis hin zu Alltagsprodukten. Auch Schokolade, Alkohol oder Tabak sind durch zusätzliche Steuern besonders teuer. Der Unterschied ist das man in Norwegen einen entsprechenden Lohn bekommt, der die Kosten wieder ausgleicht. Für Urlauber ist es aber sehr teuer.
Wie sicherst du dich gesundheitlich ab? Warst du von Anfang an im norwegischen Krankenversicherungssystem?
Daniel: Im ersten Monat war ich noch im deutschen Versicherungssystem. Aber da ich einen Arbeitsvertrag hatte, war ich im Anschluss sofort versichert durch eine norwegische Krankenversicherung. Lediglich der Zahnarzt ist eine Privatleistung. Ich bekomme aber aufgrund einer Erkrankung auch hier Unterstützung.
Ich hatte letztes Jahr eine spannende Erfahrung bei meinem Belgienurlaub. Ich hatte dort eine Infektion bekommen und musste ins Krankenhaus – hatte aber keine Gesundheitsdokumente dabei. Nur meinen norwegischen Führerschein. Aber das Krankenhaus hatte null Probleme damit. Die haben den Führerschein kopiert, mich behandelt und zwei Monate später kam die Rechnung aus Belgien nach Hause nach Norwegen. Darin hatte ich aber nur einen Nullposten, denn die norwegischen Kassen hatten anstandslos alles gezahlt. Und sie haben mir direkt eine Krankenkassenkarte für den nächsten Urlaub geschickt.
Auch bei Schnee und Frost pulsiert das Leben in Norwegens moderner Metropole Oslo. © Franziska Klug
Klingt sehr unkompliziert. Gab es dennoch bürokratische Hürden, als du nach Norwegen gekommen bist?
Daniel: Die Personnummer stiftet ziemliches Wirrwarr für viele, die hierherkommen. Diese Nummer ist das Erste, was du hier amtlich beantragen solltest. Aber die bekommst du in der Regel nicht ohne Bankkonto. Und ein Konto bekommst du in der Regel nicht ohne Arbeitsvertrag. Ja, ein bisschen Bürokratie haben wir auch.
Ich kenne bei Facebook eine Gruppe, in der sich viele Deutsche über das Auswandern nach Norwegen austauschen. Und viele von ihnen kommen einfach hierher und hoffen, dass sich alles irgendwie regelt. Das sehe ich als Problem. Man sollte sich vielleicht schon vorher bei Unternehmen bewerben und Gespräche führen.
»Die Personnummer ist das Erste, was du hier amtlich beantragen solltest.«
Man sollte wenigstens eine konkrete Aussicht haben. Denn einfach herzukommen und erst hier mit der Planung anzufangen, wird ein Problem, glaube ich. Und man kann auch nicht länger problemlos hierbleiben. Zum Beispiel darfst du in Norwegen maximal drei Monate ein Auto mit deutschem Kennzeichen führen. Danach muss das Auto ausgeführt werden. Wenn du jetzt planst, drei Monate lang einen Job zu suchen, sich das ganze aber verlängert, kann es sein, dass dir plötzlich deine Nummernschilder entfernt werden. Ich empfehle also allen, sich erst zu informieren. Und für sich zu wissen: Okay, was möchte ich hier überhaupt? In meinem Fall eben: einen Job.
Damals gab es ja noch keine wirklichen Online-Communities für Norwegen-Auswanderer. Das mit den Nummernschildern musste mir leider die Polizei erklären, als ich 2005 von meinem Deutschlandurlaub zurückkam. Als ich mit der Fähre aus Deutschland ankam, wurden mir am Zoll die Nummernschilder abgeschraubt da ich über 3 Monate mit dem Wagen in Norwegen unterwegs war.
Ohje! Was hast du dann unternommen?
Daniel: Entweder karrst du den Wagen mit einem LKW zurück nach Deutschland oder du importierst ihn nach Norwegen. Das habe ich gemacht – und es war ein teurer Spaß. Mein damaliger Chef war zum Glück bereit, mir dabei zu helfen und hat mir mit einem Gehaltsvorschuss geholfen.
Wie verlief ansonsten das erste Jahr für dich?
Daniel: Ich hatte insgesamt einen sehr guten und einfachen Start. Neben der Begleitung war mein Vorteil, dass mich niemand verstehen konnte. So habe ich viel schneller Norwegisch gelernt. Hätte ich viele Deutsche kennengelernt, hätte ich auch hauptsächlich deutsch gesprochen. Tatsächlich war das auch nötig, um wirklich von den Norwegern akzeptiert zu werden. Beruflich verstand ich mich mit allen super, aber privaten Anschluss zu finden, war zu der Zeit schwieriger. Eigentlich war auch geplant, dass meine Freundin ebenfalls nach Norwegen kommt – sie hat sich aber umentschieden. Umso mehr habe ich mich dann in die Arbeit und das Sprachenlernen geschmissen.
Was man von Deutschland überhaupt nicht gewohnt ist, sind die Jahreszeiten. Im Sommer ist es 24 Stunden lang hell, und nach Mitternacht geht die Sonne auf. Und im Winter ist es hier stockdunkel. Das sind vier, fünf Monate, die sehr deprimierend werden können, weil du viel zu wenig Tageslicht hast.
Zwischen Nähe und Entfernung: Auswandern heißt auch, sich zu verabschieden. © Franziska KlugEs hat etwa ein Jahr gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Den Sommer fand ich cool, da ich so viel arbeiten konnte, wie ich wollte. Im Winter musste ich dann umso kürzertreten, und ich wusste nicht, was ich ganz alleine mit der vielen Freizeit im Dunkeln anfangen sollte. Im zweiten Jahr hatte ich mich aber an den Jahresverlauf gewöhnt, es lief mit der Sprache gut, und mit der Sprache kamen auch die persönlichen Kontakte.
Fühlst du dich jetzt richtig als Norweger?
Daniel: Ich glaube, das wird nie passieren – im Inneren bleibe ich immer ein Deutscher und werde Deutschland auch als meine Heimat wahrnehmen. Das bedrückt schon, wenn man vom Deutschlandurlaub wieder zurückkommt. Denn dort habe ich meine Eltern, meinen Bruder mit seiner Familie gesehen – und muss dann zurück zu meinem Leben.
Über Daniel Klug
Daniel Klug lebt seit 2005 in Norwegen und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr und einer Ausbildung als Straßenbauer und Tiefbaupolier zog er ohne besondere Vorkenntnisse in das skandinavische Land. Auch wenn er seine deutsche Mentalität nie ganz abgelegt hat, fühlt er sich nach fast 20 Jahren im hohen Norden heimisch.
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