„Wenn du dich nicht weit hinaus traust, ist da immer die Versuchung, zu schnell aufzugeben.“ - Ruhe und Gelassenheit – über die norwegische Mentalität
Seite 2 von 4: Ruhe und Gelassenheit – über die norwegische Mentalität
Unterscheidet sich denn die norwegische Arbeitskultur von der deutschen?
Daniel: Die Norweger gelten als ein sehr ruhiges Volk. Im Arbeitsalltag nehmen sie sich Zeit und strahlen auch unter Zeitdruck Gelassenheit aus. Ziele werden pragmatisch angepasst, wenn sie in einem bestimmten Zeitraum nicht realistisch zu erreichen sind. Zum sozialen Miteinander gehört dabei ebenso der gemeinsame Kaffee am Vormittag wie die Mittagspause oder ein weiterer Kaffee am Nachmittag – und trotzdem wird die Arbeit zuverlässig erledigt.
Auch bei besonderen Anlässen wie Seminaren oder Betriebsfeiern zeigt sich dieser Ansatz: Zunächst werden offen betriebliche Themen und Zahlen präsentiert, damit alle Mitarbeitenden den gleichen Informationsstand haben. Anschließend folgen gemeinsame Aktivitäten wie beispielsweise Skifahren, die den Teamgeist stärken.
Nach 20 Jahren in Norwegen nehme ich diese Kultur sehr bewusst wahr, trage aber zugleich noch meine deutsche Mentalität in mir. So erinnere ich manchmal stärker an gesetzte Fristen und konkrete Zieltermine. Diese zwei Mentalitäten prallen dann aufeinander – ich werde dann auch scherzhaft als arbeitsgierig bezeichnet, weil ich einfach nicht entspannen kann.
»Nach 20 Jahren in Norwegen nehme ich diese Kultur sehr bewusst wahr, trage aber zugleich noch meine deutsche Mentalität in mir.«
Hast Du diesen Ruf immer noch?
Daniel: Ja leider, den werde ich wohl nie los. Ich möchte Aufgaben schnell erledigen, denn dann brauche ich nicht mehr an sie zu denken. Mein Vater war auch im Bau tätig, ich bin mit dieser Einstellung aufgewachsen. Aber dieser Ruf ist ja auch ein positiver. Man weiß, dass zeitkritische Aufgaben bei mir gut aufgehoben sind.
Hast Du dich trotzdem ein Stückweit an die norwegische Ruhe und Gelassenheit anpassen können?
Daniel: Ja. Aber das hat lange gedauert – fast zehn Jahre, würde ich sagen. Davor hatte ich mich sehr überarbeitet, gerne mal über 220 Stunden pro Monat. Als ich dadurch krank geworden bin, habe ich verstanden, dass es nicht so weitergehen kann. Ich habe daraufhin gekündigt und in einer Kommune noch einmal ganz unten angefangen.
Ich war wieder als Arbeiter im Graben tätig, dadurch konnte ich wieder herunterkommen, auch menschlich. Inzwischen ist es so, dass ich hin und wieder auch im Privaten an meine Arbeit denke – aber sobald Ferien sind, schalte ich auch ab. Insofern hat auch in meinem Kopf die norwegische Mentalität übernommen.
Die Freizeit wird hier hochgeschätzt, auch vom Arbeitgeber. Meine Chefs sehen es nicht gerne, wenn ich in meiner Freizeit berufliche E-Mails beantworte. Mancher Chef hatte sich auch schon überlegt, mir in meiner Abwesenheit den Zugang für den Computer zu sperren.
Ehrlich gesagt, eine tolle Einstellung.
Daniel: Es ist ein sehr angenehmes Arbeitsmilieu so, und auch die Kultur ist lockerer. Hier trinkst du mit deinem Chef einen Kaffee. Selbst in dem Privatunternehmen, in dem ich angestellt war, hat man sich nach Arbeitsende mit dem Chef in den Hof gesetzt und einen Kaffee getrunken – in Deutschland wäre mir das nicht in den Sinn gekommen. Man ist hier mit dem Chef auf gleicher Höhe.
»Hier gibt es einfach nur du „hei“ zur Begrüßung, und dann duzt du. Jeden, auch wenn es eine dir fremde Person ist.«
Neben dem Informellen und Lockeren ist Norwegen ja noch bekannt für „kos“, das norwegische Gemütlichkeitsgefühl. Magst du diesen Begriff näher beschreiben?
Daniel: Für mich geht diese Gemütlichkeit stark einher mit norwegischer Naturverbundenheit. Norweger sind in ihrer Freizeit sehr oft in der Natur. Online findest du lauter Profile, die jedes Wochenende die nächste Tour zeigen – Bergwanderungen, ein Camping-Trip – die Norweger sind durch ihre Liebe zur Natur ein sehr entspanntes Volk. Die meisten wollen eigentlich jeden Tag raus und gehen nach der Arbeit spazieren. Sie sind auch sportlich sehr aktiv, mit dem Fahrrad, beim Laufen, in Trainingszentren.
Natur ist also wichtiger Bestandteil des norwegischen Lebensgefühls?
Daniel: Ja, allein die Umgebung hier: Hier fangen die Berge vor der Haustür an. Wir haben in der Umgebung eine spezielle Aussichtsplattform, die liegt 600 Meter über dem Meeresspiegel. Um zum Fuße zu gelangen, brauche ich 20 Minuten. Und dann etwa eine Stunde, um nach oben zu gelangen.
Blick auf Bærum und die angrenzenden Regionen. © Franziska KlugDas Formlose und Nahbare macht auch sehr, sehr viel aus, egal wo du bist. Selbst wenn du nach Nordnorwegen kommst, wo die Menschen einen ziemlich anderen Dialekt haben, brauchst du nur ein wenig Norwegisch zu sprechen und sie zu grüßen – und schon fangen sie interessiert ein Gespräch mit dir an. Kontakt schließen ist also sehr einfach. Man grüßt hier ja auch konstant jeden und jede.
Und das formelle „Sie“ gibt es hier nicht. Hier gibt es einfach nur du „hei“ zur Begrüßung, und dann duzt du. Jeden, auch wenn es eine dir fremde Person ist.
Besuchst du gerne andere Regionen in Norwegen?
Daniel: Ja, gerade die ersten Jahre verliefen typisch deutsch: im Wohnwagen. Meine Eltern sind mit dem Camper aus Deutschland gekommen, und über vier Jahre hinweg haben wir nach und nach ganz Norwegen abgefahren.
Blick auf das verschneite Bærum. © Franziska KlugDann waren wir noch in Finnland, in Schweden... also, selbst, wenn man keine Lust mehr hat auf Norwegen, gibt es in der unmittelbaren Nachbarschaft ganz neue Kulturen und Gegenden zu entdecken. Wer eine Herausforderung sucht, fährt nach Finnland. Dort ist es wirklich recht anders, Finnisch ist mit den anderen skandinavischen Sprachen auch nicht so verwandt.
Wäre ein Vanlife-Lebensstil jetzt etwas für dich?
Daniel: Wenn ich nicht alleine wäre, vielleicht – in Norwegen ist man demgegenüber sicher recht aufgeschlossen, weil hier gern gezeltet wird. Hier gibt es ja auch das Jedermannsrecht, das dir das Zelten fast überall erlaubt, wo du willst.
Hier sind überall Fjorde, viele suchen sich einfach einen Ort, an dem sie alleine sind, und zelten dort locker für eine Woche. Ich habe auch Arbeitskollegen, die jedes Wochenende ihr Auto vollpacken und einfach irgendwo hinreisen. Ich erfreue mich dann an ihren Schnappschüssen und muss mich nicht auf jeden Berg selbst 2.000 Meter hochquälen.
Über Daniel Klug
Daniel Klug lebt seit 2005 in Norwegen und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr und einer Ausbildung als Straßenbauer und Tiefbaupolier zog er ohne besondere Vorkenntnisse in das skandinavische Land. Auch wenn er seine deutsche Mentalität nie ganz abgelegt hat, fühlt er sich nach fast 20 Jahren im hohen Norden heimisch.
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