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„Wenn du dich nicht weit hinaus traust, ist da immer die Versuchung, zu schnell aufzugeben.“

21. November 2025
Minuten
Vor 20 Jahren zog Daniel Klug nach Norwegen – ohne besondere Bindung an das Land – um beruflich neu anzufangen. Die pragmatische Entscheidung wurde schnell zu einer Lebensgeschichte voller Herausforderungen, neuer Chancen und persönlicher Entwicklungen. 
Breite Luftaufnahme einer Stadt - Bærum, Norwegen, am Wasser bei mildem Abendlicht; darüber ein runder überlagerter Porträt-Ausschnitt von Daniel Klug.
© A.Film, AdobeStock
© A.Film, AdobeStock

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Im Gespräch berichtet Daniel Klug von Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden, von der norwegischen Gelassenheit im Arbeitsalltag – und davon, wie er trotz Heimweh seine zweite Heimat im Norden gefunden hat.

Du lebst schon eine lange Zeit in Norwegen. Kannst Du uns mehr zu deinem Leben im Norden erzählen und wie es dazu kam?

Daniel: Gerne! Ich bin bereits seit 20 Jahren hier, 2005 hatte ich mich dafür entschieden. Das war direkt nach meiner Zeit bei der Bundeswehr. Die Firma, bei der ich zu dieser Zeit ebenfalls tätig war, ist dann pleite gegangen. So war ich mit einem Mal arbeitslos. In meiner Heimat bei Schwerin gab es keine Arbeit für mich. An meinem ersten Tag bei der Arbeitsagentur erfuhr ich, wie viel Arbeitslosengeld ich bekommen sollte – und als ich das gesehen habe, sagte ich mir: Wenn ich hier keine Arbeit finde, dann gehe ich eben woanders hin.

Du hattest also keinen besonderen Bezug zu Norwegen?

Daniel: Nein. Nach Norwegen zu gehen, war zum einen eine pragmatische Entscheidung. Zum anderen aber auch die Neugier, etwas Neues kennenzulernen. Der Arbeitsmarkt in Süddeutschland war ähnlich aussichtsreich und kam deswegen als Alternative in Frage. Aber statt im gleichen Land in eine andere Region zu ziehen, wollte ich lieber direkt in ein anderes Land. Ein genügend großer Abstand war mir letztlich auch wichtig. Denn wenn Du dich nicht weit hinaus traust, ist da immer die Versuchung, zu schnell aufzugeben und wieder zurück nach Hause zu kommen. 

Zu Besuch in Norwegen: Daniel mit seinen beiden NichtenZu Besuch in Norwegen: Daniel mit seinen beiden Nichten © Franziska KlugUnd ich wurde unterstützt von der Arbeitsagentur. Von dort hat man für mich Arbeitsstellen in Norwegen herausgesucht, sodass ich bereits bei Ankunft einen Arbeitsvertrag hatte. Es gab auch ein dreimonatiges Begleitprogramm – zwei Monate in Deutschland, ein Monat in Norwegen, das mich beim Umzug, dem Sprachenlernen und dem ersten Ankommen begleitete. Hätte es diese Hilfe nicht gegeben, wäre ich wahrscheinlich nie nach Norwegen gezogen. Ich wusste ja auch kaum etwas über das Land. 

Was war für dich die größte Hürde, als du damals in Norwegen dein neues Leben gestartet hast?

Daniel: Die Sprache war auf jeden Fall das wichtigste am Anfang. Die Firma, bei der ich anfangen sollte, hatte eine rein norwegische Belegschaft und war in der Umgebung von Oslo angesiedelt. Da kam man damals mit Englisch nicht allzu weit. Die Kommunikation war also sehr schwierig, auch von meiner Seite aus. Aber ich habe umso mehr Respekt bekommen, je mehr ich versucht habe, auf Norwegisch zu reden. Dann wurde ich mehr akzeptiert. Man war auch sehr geduldig und gab mir Zeit, meine Sätze zu Ende zu sprechen. Und sie waren alle sehr offen dafür, mir konkret beim Lernen zu helfen – gaben mir Werkzeuge in die Hand und erläuterten, was welchen Namen hat. 

Heutzutage hat man ja viele Möglichkeiten, alltagsnah eine Sprache zu lernen: Podcasts und viele unterschiedliche Angebote im Internet. Ich habe damals Zeitung gelesen, nämlich die VG, die in etwa wie BILD aufgemacht ist. Die ist vom Text her einfach geschrieben und leicht zu verstehen. Kinderfilme aus der Videothek haben auch viel geholfen, die konnte ich mit Untertiteln schauen. So habe ich anfangs die Sprache gelernt.

Shopping (Byporten Shopping Centre) und Bürogebäude in Oslo.Shopping (Byporten Shopping Centre) und Bürogebäude in Oslo. © Franziska Klug

Ist deiner Einschätzung nach Englisch inzwischen weiter verbreitet?

Daniel: Ja, Englisch ist mittlerweile Standard geworden. Man kann aber auch Unterschiede bei den Zugezogenen erkennen, was das Sprechen angeht. Als Bauleiter einer Kommune habe ich viele Firmen unter mir und habe viele Leute kennengelernt, die hierherziehen. Und da lerne ich beide Arten kennen: Die, die nach Norwegen kommen, um Geld zu verdienen – diese Menschen haben Familie und vielleicht auch ein Haus in ihrer Heimat und verspüren wenig Interesse, Norwegisch zu lernen. Dann gibt es diejenigen, die sich hier auch ein neues Leben aufbauen wollen, die haben natürlich auch ein größeres Interesse an der Sprache.

»Mein Arbeitgeber bietet ein Stipendium an, mit dem man bis zu 3.000 Euro im Jahr zu Verfügung gestellt bekommt, für die berufliche Weiterbildung – für Bücher, Reisen, Studium.«

Aber auf beide Gruppen trifft man regelmäßig?

Daniel: Norwegen ist in vielen Branchen auf internationale Fachkräfte angewiesen. Aufgrund der, vergleichsweise kleinen, Bevölkerungszahl kann der Bedarf an Arbeitskräften nicht allein im Inland gedeckt werden.

Hexen, Elfen, Kobolde und Trolle wie diese gehören fest zur norwegischen Folklore und Mythologie und prägen das Alltagsbild.Hexen, Elfen, Kobolde und Trolle wie diese gehören fest zur norwegischen Folklore und Mythologie und prägen das Alltagsbild. © Franziska Klug

Das ist vielleicht ein Grund, weswegen du so ein umfangreiches Onboarding-Programm wahrnehmen konntest.

Daniel: Möglich. Ich habe eine sehr gute Fachausbildung. Ich bin gelernter Straßenbauer und Tiefbaupolier. Während meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich in der Branche auch am Wochenende gearbeitet. Als ich dann nach Norwegen kam, war ich nur für zwei Monate einfacher Arbeiter, ehe ich schon zum Vorarbeiter aufsteigen konnte. Und habe dann mit anderen ausländischen Arbeitskräften zusammengearbeitet. Das hat wunderbar funktioniert, weil wir alle auf dem ungefähr gleichen Sprachniveau waren. Nach circa sieben Monaten war ich dann schon Bauleiter in der Firma.

Die deutsche Ausbildung ist hier sehr gut angesehen, selbst wenn sie nicht übersetzt werden kann. Denn trotzdem kennen alle großen Firmen die Titel und Abschlüsse. Sie wissen, was dahintersteckt.

Nebenbei mache ich derzeit ein Studium, um mich beruflich weiterzubilden. Dazu musste ich vorher an die Hochschule und einen Sprachkurs machen, um ein 1-B-Zertifikat zu erhalten. Zwei Jahre wird das Studium insgesamt dauern. Mein Arbeitgeber, die Kommune Bærum, unterstützt mich dabei. Das Studium zahle ich zwar privat, aber meinen Lohn erhalte ich weiterhin auch.

Ist diese Unterstützung Teil eines breiteren Programms, aus der öffentlichen Hand oder von einem privaten Träger zum Beispiel? Oder doch eine individuelle Abmachung zwischen dir und deinem Arbeitgeber?

Daniel: Das ist ein individuelles Angebot der Kommune. Mein Arbeitgeber bietet ein Stipendium an, mit dem man bis zu 3.000 Euro im Jahr zu Verfügung gestellt bekommt, für die berufliche Weiterbildung – für Bücher, Reisen, Studium. Und das müsste ich nicht einmal zurückzahlen. Dafür verpflichte ich mich aber, für eine gewisse Dauer weiterhin für die Kommune tätig zu bleiben. Viele Unternehmen machen aber ebenfalls solche Angebote. Sie wollen, dass ihre Mitarbeitenden weiterkommen, das ist charakteristisch für Norwegen.

Ruhe und Gelassenheit – über die norwegische Mentalität
Seite
Daniel Klug

Über Daniel Klug

Daniel Klug lebt seit 2005 in Norwegen und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr und einer Ausbildung als Straßenbauer und Tiefbaupolier zog er ohne besondere Vorkenntnisse in das skandinavische Land. Auch wenn er seine deutsche Mentalität nie ganz abgelegt hat, fühlt er sich nach fast 20 Jahren im hohen Norden heimisch.

Titelbild einer Broschüre: Illustration einer Familie beim Umzug; Text „Das sollten Sie alles bei Ihrer Ausreise beachten – Checkliste für einen Umzug ins Ausland“.

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Dieser Beitrag ist auch in der eMagazin-Ausgabe "Nordwärts: Auswandern nach Skandinavien" erschienen.

Foto von Christian Kniese

Christian Kniese

Christian Kniese legte schon bei seinem Studium in Marburg das Hauptaugenmerk auf globale Themen. Mit dem Studium der internationalen Politik und des internationalen Rechts in Kiel rückte diese Vorliebe für Themen mit Auslandsbezug dann ganz in den Mittelpunkt.Und die zeigt sich auch an seinen Auslandsaufenthalten. Etwa an seinem Freiwilligenjahr an einer philippinischen Vorschule. Oder an seinem Erasmus-Aufenthalt in Frankreich. In seinen Beiträgen rund ums Leben und Arbeiten im Ausland legt Christian Kniese den Fokus auf interkulturelle und gesellschaftliche Aspekte.